Prost! Lexikon der Getränke. Diese Woche: Pedacola

Pedacola - die regionale Ersatzreligion für Colagläubige

Stadtleben | TS | aus FALTER 37/16 vom 14.09.2016

Anfang der 1990er-Jahre brachte ein Limonadenkonzern das sogenannte "Clear Cola" auf den Markt. Es schmeckte wie Cola, verzichtete allerdings auf den braunen Farbstoff. Bald verschwand es wieder aus den Regalen. Die Konsumenten waren intellektuell offenbar überfordert -etwas, das Cola heißt, muss wohl Farbe haben, sonst weiß der Gaumen nicht mehr, was es geschlagen hat. Die Mutter aller dunkelbraunen Limos, das Coca-Cola, wurde vor 130 Jahren erfunden. Auch wenn es Cola heute in den unterschiedlichsten Variationen gibt, weiß jeder sofort, wann er es mit einem zu tun hat.

Im Mühlviertel stellt ein ehemaliger Gastronom etwas her, das weder schmeckt wie Cola noch aussieht wie Cola und trotzdem Pedacola heißt. Mischt man den Sirup wie empfohlen mit Mineralwasser in einem Verhältnis von 1:8, dann sieht das Getränk aus wie Holundersaft. Es schmeckt kultiviert krautig und taktvoll herb, mithin erquicklich. Neben Limetten-und Zitronensaft, Minze, Bourbonvanille, verschiedenen Gewürzen und Zucker heißt der Star dieser Inszenierung: Colastrauch vulgo Eberraute. Ein Kräutl, das sich die Bauern im Mühlviertel bei ermüdenden Sonntagspredigten angeblich gerne hinters Ohr gesteckt haben, um nicht einzubüseln. Aber nur wer seine Augen schließt und am Pedacola nippt, der erlebt die Offenbarung -für einen kurzen Moment fährt der gustatorische Geist traditionellen Colas ein.

Rezensierte Getränke wurden der Redaktion fallweise umsonst zur Verfügung gestellt


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