Tiere

Klebstreifen


Peter Iwaniewicz
Falters Zoo | aus FALTER 37/16 vom 14.09.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Ich hasse Rankenfußkrebse, wie sie noch nie ein Mensch gehasst haben kann“, schrieb Charles Darwin, als er nach achtjähriger Forschung seine 684 Seiten umfassende Publikation über diese Tiergruppe fertiggestellt hatte. Tiere zu hassen kommt offenbar auch unter renommierten Biologen vor. Vermutlich war es aber eher eine Art Hassliebe, denn die Studie über die seltsamen Wesen, die ohne Extremitäten auf Dingen oder anderen Lebewesen wachsen, legte die Grundlagen für seine Evolutionstheorie.

Als Meeresfrucht wird von Liebhabern die sogenannte „Entenmuschel“ als Speise geschätzt, die weder Ente noch Muschel ist, sondern eben auch zu jener Krebsklasse gehört.

Es brauchte aber noch 160 Jahre, bis man eine wirklich herausragende Fähigkeit dieser Tiere erkannte: Sie produzieren einen Klebstoff, der im Salzwasser auf jeder Oberfläche untrennbar haftet. Eine Art, die Gestielte Meereichel, fiel mit dieser Fähigkeit auch der potenten deutschen Klebstoffindustrie auf. Diese Branche freute sich trotz Weltwirtschaftskrise schon im Jahr 2010 über ihren Umsatz in der Höhe von drei Milliarden Euro und prognostizierte in der Branchenstudie „Mit Rekordproduktion aus der Konjunkturkrise“ eine weitere Gewinnsteigerung. Grund dafür war unter anderem jener Rankenfußkrebs und dessen fantastischer Klebstoff.

Die Wiener Biologin Waltraud Klepal leitet seit damals auch eine vom Forschungsfonds dotierte internationale Forschungsgruppe, die den Geheimnissen dieses Superklebers auf die Spur kommen will. Das Sekret ist nicht nur extrem haftfähig, sondern auch elastisch und stoßdämpfend. Und das ist genau der Stoff, aus dem Unternehmerträume geklebt werden, „denn diese Eigenschaften sind für die Medizin (z.B. Zahnkleber, Wundkleber, kleben statt nageln bei Knochenbrüchen) und die Industrie (Unterwasserkonstruktionen) sehr verlockend“.

Offenbar hat da aber die Kuvertbranche diese Entwicklung am Klebstoffmarkt verschlafen. Ich will da gar nicht auf Details der aktuellen Problemlage in Österreich eingehen, die sicher auch damit zu tun hat, dass der heimische Markt die Bedeutung der Gestielten Meereichel seit Jahren sträflich vernachlässigt hat. Unklar ist nur, welcher Minister dafür zuständig ist und zurücktreten sollte.

Und die Behauptung, dass die FPÖ weitere Studien zu den Rankenfußkrebsen verbieten will, ist völlig an den Haaren herbeigezogen. F


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