"Wien war einmal sexuelle Avantgarde"

Die Schau "Sex in Wien" führt in das widerständige Reich der Lust, das in Wien trotz aller Verbote erblühte

INTERVIEW: NICOLE SCHEYERER | Feuilleton | aus FALTER 37/16 vom 14.09.2016


Feine Herren locken mit Handzeichen und Geldscheinen, die Damen zeigen tiefe Dekolletees, im Hintergrund steht die Pestsäule. Der Kupferstich „Der Schnepfen-Strich am Graben“ von 1784 zeigt unverblümt die Geschäftsanbahnung zwischen Freiern und Prostituierten im Herzen von Wien. Ganz anders heute: Das Foto einer verlassenen Kreuzung im 21. Bezirk dokumentiert die Verdrängung des Straßenstrichs an den Stadtrand. Die Ausstellung „Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam“ im Wien Museum erforscht, wie der Geschlechtstrieb in der werdenden Weltstadt ausgelebt, ausspioniert, kanalisiert und verfolgt wurde. Kaiser, Kirche und Kommune versuchten unter wechselnden Vorzeichen, des Treibens der Städter Herr zu werden, und zogen doch meist den Kürzeren. Mit der Schau wird erstmals ein kritischer Überblick geboten, der den Voyeurismus seines Themas mitbedenkt und die Erkenntnisse von feministischer und queerer Forschung miteinbezieht.

Falter: Herr Bunzl, wie geil ist Wien?

Matti Bunzl: Das ist eine Frage, die auf einen Vergleich zielt. Unsere Schau geht davon aus, dass es die Leute immer treiben wollen. Das ist eine humane Konstante. Die kulturhistorische Frage lautet hingegen, in welche Bahnen die Lust gelenkt wird und durch welche Prozesse. Um jetzt die Frage zu beantworten: Wien ist ziemlich geil, denn die Machtapparate in der Moderne haben immer wieder versucht, Sex zu unterbinden, es ist ihnen aber nie gelungen.

Abo hier bestellen
Bestellen Sie hier ein FALTER-Abo Ihrer Wahl und erhalten Sie sofort einen Digitalzugang, um Artikel kostenfrei zu lesen.
Wenn Sie kein FALTER-Abo haben, können Sie diesen Artikel hier einzeln kaufen, als neuer Nutzer kostenfrei mit Startguthaben.

Lesen Sie diesen Artikel in voller Länge mit Ihrem FALTER-Abo-Onlinezugang.

Passwort vergessen?

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige