Nachrichten aus dem Inneren

Die Redaktion erklärt sich selbst

Falter & Meinung | BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 37/16 vom 14.09.2016

Schreibt Österreich Geschichte, muss eine Redaktion darauf gefasst sein. Dräut eine Wahlverschiebung, fährt sie also ihre Antennen aus. Man hörte zunächst ein Hintergrundrauschen, das sich am Freitag zu einem Donnern verdichtete. Die Nachrichtenagentur APA pulverte die Alarmmeldung "Sobotka prüft Verschiebung der Bundespräsidentenwahl" hinaus. Übersetzt hieß das: Die Wahl wird wahrscheinlich verschoben. Als sich auch noch Kanzler und Vizekanzler dafür stark machten, die FPÖ die ersten Verschwörungstheorien wälzte und Van der Bellen seinen Wahlkampfauftakt verschob, wurde daraus ein Hochwahrscheinlich-Szenario.

In so einem Fall beginnt es im Falter zu wurrln. Chefredakteur Florian Klenk ruft zur Krisensitzung, er sammelt die Leute ein, die gerade noch für jene Geschichten recherchieren, die vermutlich nicht erscheinen werden. Die Redaktion erstellt einen Plan B. Im Blattspiegel wird ausradiert, herumgeschoben, neu hingeschrieben, ein Ressort gewinnt Seiten, das andere verliert sie. Die Kollegen im Layout planen eine zweite Titelseite.

Je länger der Freitag dauert, desto mehr wird Plan B zu Plan A. Übers Wochenende: angespannt warten. Montag, später Vormittag: Der gelernte Musikschullehrer und amtierende Innenminister Wolfgang Sobotka trällert in wohlintonierten Worten "defektes Wahlkuvert" und "Wahltermin verschieben". In diesem historischen Moment schaltet die Maschine in der Marc-Aurel-Straße um: Plan B bleibt Plan A. Alles anders, alles wie geplant. An die Arbeit!


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