Landrand Ruralismus

Das Land ist eine Theaterbühne

Landleben | Lukas Matzinger | aus FALTER 37/16 vom 14.09.2016

Weil am Land jeder jeden kennt, und das auf ewig, weil sich so wenig frisches Blut in die Dörfer mischt, kommt es, dass am Land auch jeder über jeden spricht. Man erzählt und hört die im Kern doch immer selben Geschichten übereinander. Und formt einander obligatorische Rollen, die irgendwann konkreter und bindender als jene in großen Theaterstücken sind. Werturteile hat man dienlich wie Gemeingut bei der Hand.

Der Bauer, dessen Kirchtagskleider nach Jauche riechen, der honorige Direktor (Schule oder Bank - angesehen), der Kümmerer, der keinen Gefallen abschlägt. Der Kifferversager, der eigentlich so klug wäre, der Landarzt, den man "Herr Doktor" grüßt, der Strolch, der verdächtig ist, seit er, vielleicht sein Vater, irgendwann gestohlen hat.

Der Gstudierte, der aus Wien herzog, der Trunkenbold, der zu belächeln ist, der Fußballer, auf den die Mädels fliegen. Der Fleißige, der Faule, der Schlaue, der Dumme. Jeder am Land hat so eine Rolle und kennt sie auch. Sie werden vererbt und man spürt, dass sie erwartet werden. Irgendwann hat man gelernt, sie auszufüllen -das einzig Schwere ist, sie loszuwerden, die Rolle, die jeder von jedem kennt.


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