Selbstversuch

Und leider nicht nur den Kindern gegenüber


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 37/16 vom 14.09.2016

Während alle der Entscheidung harren, ob die Wahl verschoben wird oder doch nicht, wird hier einer der Teenager auf Klassenfahrt geschickt mit den Worten: Mach's gut, viel Spaß, und tu lieber nichts, was ich tun würde.

Diese Vorbildgeschichte, die die Pädagogen immer predigen, ist ja im Grunde ganz easy. Also, bis die Kinder in ein Alter kommen, in dem sie das interessiert, von dem die Eltern wissen, dass es auch für sie selber vielleicht nicht so gut ist. Oder nicht immer gut ist.

Oder nicht in dem Ausmaß, weil sie selber zuweilen zu viel davon tun: mit dem Smartphone spielen, vor dem Computer sitzen, rauchen, trinken, kiffen, whatever.

Dann muss man anfangen, nicht mehr ganz so gesprächsbereiten Teenagern zu erklären, warum das, was man selbst tut, für sie nicht gut ist, und warum sie das nicht dürfen, wovon man sich selber reichlich gönnt.

Ich bin schon erwachsen, du nicht.

Du bist noch in der Entwicklung, ich bin schon alt und kaputt.

Das ist Arbeit.

Das brauche ich für meine Arbeit.

Du brauchst deinen Schlaf.

Das ist Erholung, das habe ich mir verdient.

Ich mach aber auch Sport.

Solange du deine Füße unter meinem Tisch!

Als einigermaßen lebendiger und lebensfroher Mensch ist man, sagen wir es, wie es ist, seinen Kindern gegenüber in einer Scheißposition. Und leider nicht nur seinen Kindern gegenüber, sondern immer noch auch seinen Eltern.

Wieso soll ich dein Buch nicht lesen?

Ach wirklich, und warum musst du schon wieder so ein versautes Buch schreiben?

Kannst nicht einfach etwas schreiben, das ich meinen Freundinnen schenken kann?

Ich verstehe das überhaupt nicht, warum man unbedingt über so was schreiben muss, es gibt doch so viele andere schöne Themen.

Verlangt dein Verlag das von dir?

Ja, ich verschenke das Kolumnen-Buch eh, aber ein Roman ist ein viel schöneres Geschenk, aber den kann ich dann wieder nicht verschenken.

Doch ich lese es trotzdem, auch wenn ich wahrscheinlich total schockiert bin.

Man muss an dieser Stelle wieder einmal sagen: Gut, dass man nicht nur Familie hat, sondern auch Freunde. Und Freundinnen. Großartige Freundinnen. Mit denen man ein komplettes Wochenende verbringen kann, ohne dass man sich ein einziges Mal für seinen gestörten Lebenswandel rechtfertigen muss.

Also jetzt außer bei den Leuten am Nebentisch oder auf den Nachbarliegen im Spa: Oh, sorry, wir sind mal etwas leiser.

Oder auch nicht. Wahnsinn, ist das gut.

"Langsam, langsam, nicht so schnell", Doris Knechts neue Sammlung von Falter-Kolumnen, ist soeben im Czernin-Verlag erschienen


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige