Theater Kritik

Wir schiffen das: eine schön strapaziöse Überfahrt

Lexikon | MP | aus FALTER 37/16 vom 14.09.2016

Everything looks good tonight", zitiert Stefanie Reinsperger am Ende singend Iggy Pop. Tatsächlich hat Bearbeiter, Regisseur und Bühnenbildner Dušan David Pařízek Wert darauf gelegt, dass alles gut aussieht in seiner Adaption des Romans "Das Narrenschiff" von Katherine Anne Porter aus dem Jahr 1962. Zwischen Overheadprojektoren und Schminktischen nimmt das spielfreudige Ensemble das Publikum auf eine strapaziöse, aber lohnende Reise mit. Die dauert im Original einen Monat, hier immerhin gut drei Stunden.

1931, in einem Jahr zwischen den Kriegen, als noch niemand ahnte, was der Welt bevorstehen würde, beherbergt der dicke Dampfer ein buntes Spektrum an Persönlichkeiten: den Juden, den eingebildeten "Arier", das Pärchen, die Geschiedene, die Verwitwete, die Männerhungrige, den Schiffsarzt, Amis, Deutsche und Spanier - Letztere sind hier daran erkennbar, das sie statt Bühnendeutsch Wiener Slang reden. Es geht von Amerika nach Europa, und man spricht verächtlich und ängstlich über die wie Sardinen im unteren Deck zusammengepferchten Spanier: Sie sind Abgeschobene und gewissermaßen Wirtschaftsflüchtlinge. An der Aktualität des Stoffes bleibt also kein Zweifel.

Zwischenmenschliche Tragödien wechseln sich mit politischen und religiösen Diskussionen und einem diabolischen "Día de muertos" ab, an dem die Passagiere, stark auf Geisterbahn geschminkt, erst recht ihre Masken fallen lassen. Der Regisseur probiert für fast jede Szene eine andere Form aus. So lassen sich Anja Herden, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh, Rainer Galke und die anderen bei der konzentrierten Verfertigung ihrer Figuren in die Karten sehen - und erhalten ausführlich Gelegenheit, ihr Können einmal richtig zu zeigen. Wer etwas Geduld mitbringt, sieht mit Vergnügen zu und kann in diesem Abend viele feine Details entdecken.

Volkstheater, Sa, So, Mi, Do 19.30


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