Einst finster, heute ein Hotspot

In Goldegg in Salzburg findet das Thomas-Bernhard-Festival "Verstörungen" statt

Lexikon | SEBASTIAN FASTHUBER | aus FALTER 38/16 vom 21.09.2016

Weng ist der düsterste Ort, den ich jemals gesehen habe", heißt es zu Beginn des Romans "Frost" (1963). In der Bibliografie von Thomas Bernhard ist dieses Buch nicht irgendeines. Es markiert den Punkt, an dem ihm nach bescheidenen Anfängen der Durchbruch gelang und er zu seinem Stil fand. Und zu seiner Bosheit. Der Menschenschlag in der Gegend wird als schwachsinnig und hässlich beschrieben. Was auch einen Grund hat: Die meisten seien im Rausch gezeugt worden.

Ein Weng gibt es in Österreich tatsächlich, es handelt sich um einen Ortsteil der Gemeinde Goldegg im Salzburger Pongau. Nach seinem Tod scheint man dem Autor dort verziehen zu haben, was er einst schrieb. Trotzdem ist es nicht ganz ohne Ironie, dass ausgerechnet Goldegg nun eine Bernhard-Hotspot ist und hier ein jährliches Festival mit dem Titel "Verstörungen" stattfindet. Dieser Tage steigt im Hotel Seehof Goldegg die fünfte Auflage. Wird heute in Österreich aus Thomas Bernhards Werk vorgetragen, kann von Verstörung längst keine Rede mehr sein. Man hat ihn kanonisiert, eingemeindet und damit auch ein wenig verharmlost. Bernhard hat heute etwas von Folklore. Was nichts daran ändert, dass viele Texte immer noch Gültigkeit haben und angesichts der aktuellen politischen Situation auch durchaus eine neue Lektüre verdient hätten.

Im Mittelpunkt des heurigen Festivals steht das Verhältnis zwischen Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann, es soll ergründet werden, wie die beiden zueinander standen. Bernhard widmete Bachmann nach ihrem Tod immerhin eine Figur in seinem großen Spätwerk "Auslöschung". Die "Verstörungen" sind hochkarätig besetzt, unter den Teilnehmern finden sich Autoren wie Friedrich Ani, Nora Bossong und Andreas Maier, die eigene Werke lesen, sowie die Schauspieler Hannelore Elsner (sie liest aus "Das dreißigste Jahr" von Ingeborg Bachmann) und Tobias Moretti (er rezitiert aus Bernhards Stück "Minetti").

Der Seehof Goldegg, Fr 17.00, Sa und So 11.00


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