"Reden wir jetzt über das Thema?"

Schauspielkunst und Spätabtreibung: Julia Jentsch über den Problemfilm "24 Wochen"

INTERVIEW: JULIA PÜHRINGER | Lexikon | aus FALTER 38/16 vom 21.09.2016


Foto: FILMLADEN

Foto: FILMLADEN

Die Tragödie beginnt mit Lachstürmen. Astrid ist Kabarettistin, guter Hoffnung und bringt das Publikum mit Schwangerschaftswitzen zum Johlen. Doch einer Routineuntersuchung folgt die traurige Diagnose: Ihr kleiner Bub wird Trisomie 21 haben und, wie sich herausstellt, einen schweren Herzfehler dazu.

Die deutsche Schauspielerin Julia Jentsch, 38, ist Mutter einer Tochter und Spezialistin für Frauen in Extremsituationen („Sophie Scholl“, „Effie Briest“ usw.). Als Astrid muss sie sich in „24 Wochen“ entscheiden, ihr behindertes Kind auszutragen oder abzutreiben.

Falter: Wie sind Sie zu diesem Film gekommen bzw. er zu Ihnen?

Julia Jentsch: Meine Agentin hat ihn mir so angekündigt: „Julia, ich habe hier ein Buch, ich finde es großartig, aber ich glaube, du willst das nicht machen.“

Und dann?

Jentsch: Dann wollte ich es natürlich unbedingt lesen. Ich fand das Drehbuch sehr bewegend und glaubwürdig, aber es hat mich auch ganz schön runtergezogen. Ich habe mich schon gefragt, ob ich die nächsten paar Monate wirklich mit diesem Thema verbringen will. Letztendlich hat die wunderbare Regisseurin Anne Zohra Berrached den Ausschlag gegeben.

Bei einigen Szenen im Spital kann man kaum mehr hinschauen – wie hält man da beim Spielen durch?

Jentsch: Das habe ich mich beim Lesen auch gefragt, und deswegen hatte ich große Angst, die Rolle zuzusagen. Bei den Vorbereitungen ist es mir wirklich schlecht gegangen. Das Drehbuch lag in meinem Wohnzimmer, und ich wusste, es ist nur mehr soundso viel Zeit zur Vorbereitung. Ich musste mich immer wieder überwinden, denn jedes Mal, wenn ich das Buch aufgeschlagen und durchgelesen habe, ging es mir danach dreckig.

Sind Sie mit diesem unguten Gefühl zu den Dreharbeiten gegangen?

Jentsch: Ich dachte, ich werde zehn Kreuze machen, wenn alles vorbei ist. Die ersten ein, zwei Tage, als das Team zusammenkam, waren dann auch ein bisschen geprägt von dieser Stimmung. Keiner wusste: Reden wir jetzt über das Thema? Darf man lachen? Und dann war’s, als ob ein Schalter umgelegt worden wäre. Man merkte: Wow, da sind ganz viele tolle, motivierte, leidenschaftliche, positive Menschen am Werk, und allen geht es darum, diese Geschichte zu erzählen und eine gute Arbeit zu machen.

Wie haben Sie für Ihre Rolle recherchiert?

Jentsch: Ich hatte das Bedürfnis, mit Paaren zu sprechen, die Ähnliches erlebt haben. Das war ein sehr extremes und bewegendes Erlebnis. Diese Menschen erzählten mir, einer Fremden, von ihrem schlimmsten, intimsten Erlebnis! Da wusste man fast nicht, wie damit umgehen, und gleichzeitig war diese Offenheit ein großes Geschenk. Später, wenn ich erzählte, welchen Film ich als Nächstes mache, sprachen mich plötzlich Freunde und Bekannte an: „Ja, das ist unsere Geschichte!“

Gab es Raum für Improvisation?

Jentsch: Was speziell war, war die Mischung: Szenen, die wir so gespielt haben, wie sie geschrieben sind, wobei es manchmal hilfreich war, sich vom Buch zu lösen und erst später wieder darauf zurückzukommen. Dann gab es ein paar Szenen, die wir komplett improvisiert haben, und dann gab es die mit den „wirklichen“ Menschen, den Ärzten, die als Schauspieler Laien waren, aber Fachleute in ihrer Kompetenz. Die haben so mit uns gesprochen wie mit Leuten, denen sie eine solche Diagnose mitteilen, und darauf mussten wir spontan reagieren. Das war eine neue Erfahrung für mich.

Sie spielen eine Kabarettistin, das ist echte Knochenarbeit.

Jentsch: Das ist der Hammer! Ich habe einen Riesenrespekt vor diesem Job. Es passiert, du kommst wo hin, bist ganz allein auf der Bühne, und niemand lacht – dann musst du dich selber anfeuern und irgendwie deine Pointen bringen. Davor hatte ich am meisten Angst. Als Anne zu mir sagte: „Weißt du Julia, wir machen das einfach so: Wir gehen in echte Kabarett-Shows, und da stellst du dich auf die Bühne“ – das war furchtbar!

Wie war die Zusammenarbeit mit den Menschen mit Downsyndrom?

Jentsch: Ich habe schon einmal in einem Film mit einem Mädchen mit Downsyndrom gespielt. Da waren auch die Eltern mit dabei. Sie erzählten mir, dass sie vor der Geburt nichts gewusst hatten, damals gab es diese Diagnose noch nicht. Die haben das toll gemacht, aber manchmal, meinte die Mutter, wisse sie nicht mehr, wie sie das schaffen soll, weil das Kind recht fordernd war. Jetzt die Zusammenarbeit war sehr schön und hat viel Spaß gemacht. Etliche der Mitwirkenden sind in einer Theatergruppe, im RambaZamba in Berlin – Spielen ist ihr Beruf, die waren ganz freudig und professionell bei der Sache.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige