Realpolitik und Kriegsfilmkitsch: "Coriolan" im Akademietheater


THEATERKRITIK: MARTIN PESL
Feuilleton | aus FALTER 38/16 vom 21.09.2016

Es heißt, "Coriolan" sei William Shakespeares unbeliebtestes Stück, weil es nicht sexy ist und sich nur um Politik dreht. Dem römischen Patrizier Gaius Marcius Coriolanus werden als Kriegsheld zwar alle politischen Ehren angetragen, aber er ist zu stolz, sich auch die Stimmen der Volksvertreter zu erkämpfen oder, besser gesagt: zu erschleimen. Im Zentrum steht also etwas vollkommen Unzeitgemäßes: ein Politiker, der sich dem Populismus verweigert.

Die Regisseurin Carolin Pienkos unternimmt am Akademietheater den Versuch, den Stoff zumindest packend und heutig zu vermitteln. Ihr Ehemann Cornelius Obonya spielt die Hauptrolle. Die Szenen zu Felde, in denen er auf den wilden Stamm der Volsker stößt, hüllt Pienkos in amerikanische Army-Ästhetik mit hölzern choreografierten Massenszenen und vielen filmischen Assoziationen. Ein Getreidefeld wie aus dem Ridley-Scott-Schinken "Gladiator" weht auf einem Fullscreen-Video im Wind und die Musik wäre gerne für einen Oscar nominiert.

Interessant wird es immer, wenn Pienkos in den Senat "zoomt". Hier gelingt es ihr, den Text herunterzubrechen und eine Nahaufnahme von Populismus und Demokratie zu zeigen. Vordergründig Aktuelles ist dennoch eher Zufall: Die Volkstribunen stimmen für Coriolan, überlegen es sich anders und wollen nochmal. Es folgt ein schier endloser Wahlkampf, der aus der zweiten Reihe geführt wird.

Dass diese zweite Reihe exzellent gezeichnet ist, ist die Stärke des Abends: Elisabeth Orth ist die berechnende Supermami und Wahlkampfmanagerin, Martin Reinke der windige Pragmatiker, Sylvie Rohrer die vor Karrieregeilheit am Rande des Nervenzusammenbruchs wandelnde Opponentin. In der undankbaren Hauptrolle des absoluten Antipathieträgers kämpft Cornelius Obonya tapfer zwischen Pathos und Grant. Wirklich sexy haben er und seine Familie den "Coriolan" nicht gemacht, aber immerhin hat man streckenweise zugehört.

Nächste Vorstellungen im Akademietheater: 24.9., 11.10.


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