Der Popstar aus dem Tschocherl

Früher war er Friedhofsgärtner, heute gräbt Voodoo Jürgens Tote aus. Mit seinem ersten Album veröffentlicht der Wiener Musiker Ende September die österreichische Popplatte des Jahres


PORTRÄT: GERHARD STÖGER

Feuilleton, FALTER 38/16 vom 21.09.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Am 2. Oktober 2015 steht ein junger Mann mit zerzaustem Haar, Strizzi-Outfit und abgeranzter Akustikgitarre auf der Bühne der Erdberger Arena. Karten sind für diesen Abend längst keine mehr erhältlich, die hedonistischen Wiener Amore-Rocker Wanda präsentieren heute ihr zweites Album. Klassischer Stimmungsmacher ist ihr Vorprogramm aber keiner, im Gegenteil.

Der junge Mann, Voodoo Jürgens nennt er sich, wirkt wie ein aus der Zeit gefallener Folksänger. Seine Wurzeln liegen allerdings nicht im New Yorker Greenwich Village der 1960er-Jahre, sondern im grindigen Wiener Eckbeisl der 1970er. „Der Tschik“ von Georg Danzer und „Espresso“ von Wolfgang Ambros laufen dort, dazu die düsteren Werke Helmut Qualtingers und die obskure LP „Singende klingende Unterwelt“, die das Wiener Rotlichtmilieu 1972 in ein etwas anderes Stück Austropop übersetzte.

Die Augen konzentriert geschlossen, mit Schmutz unter den Fingernägeln und Schmäh in der Hinterhand erzählt Voodoo Jürgens im Dialekt von zwielichtigen Figuren und liebenswerten Schlawinern, von der Liebe, dem Leben, dem Scheitern und der tragischen Wiener Boxerikone Hansi Orsolics. Er steht da ganz alleine, kein Gehabe, keine großen Gesten. Doch das Publikum hört aufmerksam zu.

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