Film Neu im Kino

Ein Mann sieht nur mit Herz alles: "Snowden"

DREHLI ROBNIK | Lexikon | aus FALTER 38/16 vom 21.09.2016

Prismen prägen das Bild. Es geht um Prismensoftware der NSA, die terrorverdächtige Worte aus zahllosen E-Mails filtert; da passt es gut, dass in "Snowden" manch ein Objekt und Gesicht per Lichtbrechung deformiert ist.

Das Biopic über Whistleblower Edward Snowden sucht die Killer-App. Wie wird das Abstraktum "Überwachung als globaler Staatsmacht-Übergriff" anschaulich? Durch Michael Moore'sche Satire-Montagen? Durch Filmbilder, die aussehen wie digitales Hirnsausen ("Inside Wikileaks")? Beides gibt es hier (und einen Hongkong-Hotel-Interview-Videodreh als Rahmenplot); aber der Akzent liegt weder darauf noch auf den Prismen selbst, sondern: Wie in seinen Historienfilmen setzt Oliver Stone auf das biografische Individuum als Erfahrungsträger. Das heißt, zur Machtkritik muss der echte Mann ran: Er hält Bildbrechungen und den Zynismen seiner Zunft stand ("All das können wir machen!", sagt der Techniknerd; "All das müssen wir machen!", sagt die Staatsräson); er verarbeitet Eindrücke, wird ethisch reif und lässt alles als Ausdruck, sprich: Grundsatzrede, raus.

Stone bietet Imperialismusskepsis als Form von Amerikapatriotismus. Das macht sein Projekt knifflig. Quasi sicherheitshalber bringt er Snowdens Herzensprägung banal rüber. Bis der NSA-Bub seinen Mentor zuletzt als Riesenmonitorpatriarchenfratze sieht, müssen wir in viele ostentativ ominöse, betriebsblinde, pathetische Gesichter blicken; Snowdens liberale Freundin ist dazu das Plauderton-Kontrastprogramm, ebenso ostentativ. Nicolas Cage tritt als guter Mentor kurz auf; sein Schmierenspiel gibt den Ton vor für Rhys Ifans, Shailene Woodley, selbst Joseph Gordon-Levitt in der sympathischen Titelrolle. Am Ende Snowdens Exil: Da wird es echt echt. Das ist dann auch rührend.

Ab Fr im Kino (OF im Haydn, OmU im Votiv)


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