Tiere

Abtreten!

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 38/16 vom 21.09.2016


Mark Twain fand ihn langweilig. Für Rosa Luxemburg war er sogar der tödlichste Tag der Woche: Sonntag. Ich hingegen finde Sonntage wunderbar. Und noch wunderbarer sind diese Tage im Wiener Augarten, wo sehr unterschiedliche Menschen öffentlich vorführen, was sie gerne tun, wenn sie nicht arbeiten müssen. Da wird jongliert, balanciert und vielen anderen para-sportlichen Tätigkeiten wie Krügelstemmen und Wiese-Flachdrücken nachgegangen. Meine Aufmerksamkeit zog eine Frau auf sich, die einer Gruppe von Menschen wiederholt „Tretet auf die Asseln“ zurief. Und diese stampften mit großer Hingabe und ebensolcher Geschwindigkeit auf den Barockgartenboden. Da alle fitnessbunt gekleidet waren, konnte ich eine Säuberungsaktion des Stadtgartenamts zwar ausschließen, musste aber nach der Stampede in meiner Funktion als Schutzpatron ungeliebter und unterschätzter Tiere nachfragen, wieso hier Asseln zertreten werden sollen. Die Dame, der ein zarter Duft von Pilates und Zumba entströmte, stellte sich als High-Intensity-Interval-Trainerin vor. Ihr Appell sei nur eine Metapher, um die Teilnehmenden zu motivieren. Und ja, für sie seien Asseln die ekeligsten Bodentiere. Another job for animal image repair man!

In der kurzen Erholungsphase, in der die Intensivtrainierer hysterisch nach Luft schnappten, hub ich an zur Apologie der Landasseln. Sympathischer werden die Tiere bereits, wenn man weiß, dass ihr deutscher Name vom lateinischen asellus, das Eselchen, kommt.

Außerdem sind das die einzigen Krebse, die außerhalb des Wassers leben können. Über eine spezielle Furche am Unterkörper sammeln sie Kondenswasser und leiten es zu ihren Kiemen an den Beinen. Faszinierend, würde Spock sagen.

Apropos: Wie viele Beine besitzen Asseln? Das ist bei so kleinen Tieren nicht so leicht zu zählen, ist aber eine beliebte Frage bei Quizshows, die sich auch gut für sonntägliche Trinkspiele im Gastgarten eignet. Richtige Antwort: sieben Beinpaare.

Als ich noch auf die besondere Fähigkeit dieser Tiere hinwies, nie Urin ausscheiden zu müssen, weil sie das giftige Ammoniak als Gas durch ihren Panzer ausscheiden können, wandte sich die Trainerin abrupt von mir ab und begann, ihrer Gruppe wieder die motivierenden Worte „Tretet auf die Asseln“ zuzurufen.

Sonntage sind wunderbar. Außer für Asseln im Augarten.


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