Kinder Tipp

Eine Welt, wo Seifenblasen nie zerplatzen

Lexikon | NS | aus FALTER 38/16 vom 21.09.2016

Ich wollte ein Antiheld sein", hat Zirkusgründer Bernhard Paul in einem Interview in der Zeit erklärt, warum er nach seiner Ingenieursausbildung und einem Job als Artdirector doch lieber Clown werden wollte. 40 Jahre ist es mittlerweile her, dass der Chef des Zirkus Roncalli die rote Nase aufsetzte. Grund genug für eine Jubiläumsshow -und die ist eine richtig runde Sache.

Sobald die fast 1500 Besucher in die Bänke gequetscht wurden, liefert das ukrainische Circustheater Bingo einen mitreißenden Auftakt. In Glitzerkostümen und mit punkigen Frisuren winden sich die Artistinnen in Tüchern, die wie Seile im Zirkuszelt hängen. Tolle Akrobaten im Wechsel mit berührend-witzigen Spaßmachern: Das ist man bei Roncalli gewöhnt, aber in die aktuelle Show wurde offensichtlich besonders viel Herzblut gelegt. Das nostalgische Flair, das zum Zirkus einfach dazugehört, verkörpern die Clowns natürlich am stärksten. Den poetischen Höhepunkt liefert zweifellos die Figur Carillon, der einen von Steampunk inspirierten, mit Uhren verzierten Zylinder trägt, und die ganze Manege mit Seifenblasen füllt. Aber es reicht auch schon das kehlige Lachen des "Holländers" Ramon Hopmann, um die Zuschauer zu amüsieren. Fast 30 Jahre nach dem Roncalli-Erstkontakt als kleiner Bub ist er nun mit seiner "Martini-Nummer" an seinem Traumziel angekommen.

Seien es die Seiltanznummer auf der mondsichelförmigen Wippe des Duo Pykhov, die Körperverbiegungen der 17-jährigen und ungeheuer selbstbewussten Roncalli-Tochter Lili Paul oder die Mitmachnummern von Robert Wicke, der als menschliche Beatbox Töne und Sounds produziert, sie alle performen nicht nur perfekt, sondern sie zeigen auch Charakter und bleiben so als Erinnerungen an eine Welt voller Helden namens Zirkus im Gedächtnis.

Rathausplatz, bis 16.10.


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