Rituale des Lebens, der Liebe und des Todes beim "Sacre"-Abend in St. Pölten

Lexikon | Kritik: Veronika Krenn | aus FALTER 38/16 vom 21.09.2016

Ein animalisch-lüsterner Faun - ein zartes Liebesduett - ein heidnisches Ritual mit Menschenopfer: Sasha Waltz, die designierte zukünftige Intendantin des Berliner Staatsballetts, wandelt mit ihrem dreiteiligen "Sacre"-Abend zur Saisoneröffnung des Festspielhauses St. Pölten auf Spuren zeitgenössischer Choreografen. Das Tonkünstler-Orchester spielt unter Titus Engel Werke von Claude Debussy, Hector Berlioz und Igor Strawinsky.

Der erste Teil, "L'après-midi d'un faune" zu Claude Debussys Musik, ist ein farbenfrohes Spiel der Erotik, bei dem sich moderne Faune und Nymphen räkelnd umgarnen. Ein filigranes, poetisches Ballett mit klassischem Vokabular wartet Waltz im zweiten Teil mit ihrer "Scène d'amour" auf. Das zarte Liebesduett choreografiert sie zu Hector Berlioz' dramatischer Sinfonie "Roméo et Juliette".

Mit 26 Tänzern, die einen wilden, archaisch-orgiastischen Tanz in Aschestaub vollführen, finalisiert Waltz "Sacre" durch den titelgebenden dritten Teil. Eingangs wälzt sich ein Liebespaar auf dem Boden, am Ende tanzt sich eine Frau nackt in den Tod. Dazwischen verkeilen sich Menschen ineinander, strecken flehentlich ihre Arme aus, ziehen und zerren im wilden Kampf aneinander, recken ihre Arme zum Himmel.

Igor Strawinskys Ballettmusikstück "Le sacre du printemps" gilt als Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts, Vaslav Nijinskys Choreografie schrieb Tanzgeschichte. Die Uraufführung von 1913 führte zu Tumulten, bis hin zu einem Polizeieinsatz. Eine Resonanz, von der Choreografen heute nur träumen können.

Festspielhaus St. Pölten, Sa 19.30


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