Alta Via del Giardino Au

Nur ein paar Quadratmeter und zwei Italiener, und die Straße wird zur Strada

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 38/16 vom 21.09.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Dario und Luca Formisano hatten Glück in ihrem Leben. Die beiden wuchsen im Hügelland nördlich von Neapel in einem österreichisch-italienischen Haushalt auf, in dem gutes Essen aus guten regionalen Produkten einen sehr hohen Stellenwert hat. Seit ein paar Jahren sind die beiden jungen Männer in Wien, weil es in der Gegend von Neapel leider schwer ist, eine legal angemeldete Anstellung in der Gastronomie zu bekommen. Das ist halt die andere Seite.

Irgendwann fiel den beiden auf, dass es hier offenbar ganz normal sei, industriell erzeugte, mit Chemikalien haltbar gemachte Nahrungsmittel im Supermarkt zu kaufen, „und da hab ich das Echte unserer Heimat schon sehr vermisst“, sagt Luca. Und sie beschlossen, eine kleine, feine Alternative zu bieten.

Also übernahmen sie ein ehemaliges Grafikerbüro, statteten es mit einer Vitrine, ein paar Tischchen und einer Hebel-Espressomaschine von Gruppo Izzo aus Süditalien aus und mühten sich vier Monate mit den Behörden wegen der diversen Genehmigungen ab. Zeit genug, um ein paar blaue Fliesen anzubringen, ein Sofa ins Eck zu stellen und die Salamis zum Reifen in den Keller zu hängen. Seit voriger Woche haben die Formisanos ihr kleines Alimentari, das – wie die Pension ihrer Eltern – Monte Ofelio heißt, jedenfalls offen, weshalb auch keine Minute vergeht, in der nicht ein Italiener bei der Tür hereinkommt, die beiden umarmt und einen Espresso trinkt.

Ich hätte die beiden auch gerne umarmt, erstens, weil der Espresso (aus Kalabrien, 50 % Robusta, cremig, dunkel und stark) so gut ist, und zweitens, weil die beiden ihren Enthusiasmus für die guten Sachen so gar nicht verstecken. In der Vitrine liegen Würste und Schinken eines kleinen Produzenten aus den Marken, der im Jahr nur 20 Cinta-Senese-Schweine absticht und seine Salumi ohne Nitrit macht – mild, zart, hinreißend. Auf das Brettchen kommt, was gerade angeschnitten ist, etwa eine auf der Zunge zergehende Coppa oder eine Streich-Salami auf Josef-Brot (€ 7,50).

Tagesgerichte gibt’s auch, mit Glück eine Parmigiana, sonst etwa sogenannte Friselle, eine Art Zwieback, mit Bio-Olivenöl und bunten Kirsch-Paradeisern von der Gärtnerei Bach (€ 4,50).

Ich hab mich so gesetzt, dass man meine Tränen nicht sah. Mit den Bachs gibt’s übrigens eine Kooperation, man kann hier ihr grandioses Gemüse beziehen. Außerdem über Bronzeformen gezogene Pasta, Tomatensugo von einer süditalienischen Firma, die Flüchtlinge anstellt, anstatt sie als Sklaven zu halten, und Sugo einer anderen Firma, die Gemüse auf von der Mafia enteigneten Grundstücken anbaut. Und „Colatura di Alici“, eine völlig arge Fischsauce aus Italien. Und Kapern, die Darios und Lucas Mutter selbst in Salz einlegt. Heuer nicht in Italien gewesen? Monte Ofelio spendet Trost.

Resümee:

Ein kleiner Laden, in dem gutes Essen und gute Zutaten mit einer Inbrunst und Überzeugung angeboten werden, dass einem warm ums Herz wird.

Monte Ofelio
2., Obere Augartenstr. 70
Tel. 0664/521 55 75
Mo–Sa 9–20 Uhr
www.monteofelio.com


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