Fragen Sie Frau Andrea

Traumalärm aus der Turmluke

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 39/16 vom 28.09.2016

Liebe Frau Andrea,

hier am Währinger Kutschkermarkt läuten täglich um sieben Uhr früh minutenlang die Kirchenglocken, dann nochmals um drei viertel acht und um neun Uhr. Sind diese Uhrzeiten tatsächlich das, was man eine "christliche Zeit" nennt? Und hat sich jemals jemand gegen diese morgendliche katholische Lärmbelästigung aufgelehnt?

Mit herzlichen Grüßen, Patrick Lammer (o.r.B.), Kutschkergrätzel

Lieber Patrick,

der Kutschkermarkt, erstmals 1885 erwähnt, ist einer der beiden letzten Straßenmärkte Wiens. Der Handel entfaltet sich schon um sechs Uhr früh. Das ist signifikant früher als acht Uhr und 9.30 Uhr (Sonntag), die christlichen Beginnzeiten der Währinger Pfarrkirche, jenes Instituts, das die von Ihnen wahrgenommene Akustik-Perturbationen verantwortet. 1213, also 672 Jahre vor dem Kutschkermarkt wurde hier erstmals eine Kapelle urkundlich erwähnt, sie wurde 1226 zur Pfarre erhoben und hat seither Gläubige zum Gottesdienst gerufen. In der Sache selbst müssen wir Schlagen und Läuten einer Glocke unterscheiden. Eine Glocke wird geschlagen, wenn diese ruhig bleibt und von außen ein Hammer auf sie niederfällt. Das kann alle Viertelstunden geschehen und hat in früheren Zeiten für Zeitorientierung gesorgt. Zum Läuten einer Glocke wird diese in Schwingung versetzt, dabei schlägt der in ihr hängende Klöppel gegen den Glockenkörper. Eine typische katholische Kirchenglocke ertönt gemeinhin 15 Minuten vor jeder Messfeier oder Andacht. Für die subjektive Erfahrung ständigen Gebimmels sorgen auch noch andere Anlässe. So etwa Taufen oder Hochzeiten, Feste, Bischofsbesuche, der Jahreswechsel, Habemus-Papam-Zäsuren, Ostern, der Tod von Papst, Bischof oder Pfarrer, das Hinscheiden des Staatsoberhauptes, sodann Unwetter, Katastrophen und der Ausbruch und das Ende von Kriegen. Das Mittagsläuten der Glocken erinnert an den Sieg des ungarischen Reichsverwesers Johann Hunyadi über den Konstantinopel-Eroberer Sultan Mehmed II. Den Brauch hat Papst Calixtus III. aus dem Geschlecht der Borgia am 29. Juni 1456 in der katholischen Kirche eingeführt.

Erfolgreiche Klagen wegen Lärmbelästigung dürfen als aussichtsarm erachtet werden. Versuchen Sie, mit dem Gebimmel zu leben.

www.comandantina.com; dusl@falter.at, Twitter: @Comandantina


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