Selbstversuch

So was wie "Next Generation" sozusagen

Doris Knecht erinnert sich


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 39/16 vom 28.09.2016

Seit Tagen wurmt dieser Sterne-Song in meinem Kopf herum, was jetzt wenig wundert, denn es ist auch der Titel von Marie Kreutzers neuem Film, "Was hat uns bloß so ruiniert". Zwei Mal gesehen, zwei Mal großartig gefunden, und zwar noch besser als Kreutzers letzten Film "Gruber geht", und ich sage das, obwohl der Gruber mein Baby ist und ich den Film extrem gern habe. "Was hat uns bloß so ruiniert" ist so ein bisschen wie die Fortsetzung dieser Kolumnen mit anderen Mitteln, "Next Generation" sozusagen, neu und ganz großartig geschrieben (auch das Drehbuch stammt von Kreutzer), modern eingerichtet, mit neuer, jüngerer, hipperer und viel hübscherer Besatzung.

In dem Film bekommen drei junge Paare gleichzeitig Kinder, und sie sind der ungebrochenen Überzeugung, dass sie die erste Generation von Eltern sein werden, die das Kinderkriegen nicht verändert, die nachher genau so cool sein werden, wie sie es vorher waren, so gelassen, so zentriert, so kreativ, so partnerschaftlich, so easy.

Funktioniert natürlich auch bei denen genau so wenig wie bei den 34.746 Generationen vor ihnen, sie scheitern an den eigenen Vorgaben ebenso, wie es das Personal dieser Kolumnen seit 15 Jahren mit großem Engagement und einem anschaulichen Mangel an Grandezza tut.

Kreutzer erzählt in ihrem Film sehr schön über die Überraschung der Protagonisten - und aller neuer Eltern -, dass etwas so Kleines und Süßes wie ein Kleinkind so raumgreifend, so viel größer sein kann als man selbst, die eigenen Pläne, die alten Ziele, die, wie man meinte, unverrückbaren Prinzipien, und als das eigene Vertrauen in sich selbst und die Zuversicht, dass es immer besser werde, nie schwieriger.

Aber die brutale Erkenntnis, dass man dem zeitweise nicht gewachsen ist, nicht als Person, nicht als Paar und nicht als Freundin, trifft auch das Personal von "Was hat uns bloß so ruiniert" hart und wirft sie zeitweise nicht nur aus der Bahn, sondern auch aus ihren Leben und ihren Beziehungen: Denn Kinder sind eine Raumforderung, die mitunter auch die romantische Liebe verdrängt; und das passiert auch in dem Film.

Das mag manchmal ein bisschen an der Klischeefalle streifen, aber Marie Kreutzer ist klug und scharfsichtig genug, nie hineinzutappen, weil sie genau an diesen Stellen immer sofort auch das Belustigende, das Peinliche und das Alberne erkennt und mit Lust ausspielt.

Wie in den Kindergruppen-Szenen, wo es einem die Zehennägel aufrollt. Und dazwischen ist der Film dann wieder ganz leise und ganz zart, und das ist genau Kreutzers große Kunst: dass sie Humor genau so ernst nimmt wie Trauer, dass sie ganz leise sein kann, aber auch brüllend laut.

"Was hat uns bloß so ruiniert": jetzt im Kino, unbedingt anschauen. Und dieser Sterne-Song; der geht jetzt lange nicht mehr weg.

"Langsam, langsam, nicht so schnell: Geschichten vom Leben unter Teenagern", Doris Knechts neue Sammlung von Falter-Kolumnen, ist soeben im Czernin-Verlag erschienen.


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