Take and run

Bermudadreieck. Fast Food. Und trotzdem nicht schlecht


Lokalkritik: Florian Holzer
Stadtleben | aus FALTER 39/16 vom 28.09.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Vorurteile haben in der Vereinfachung von Kompliziertem und in der Reduzierung der Unberechenbarkeit ja durchaus ihren Wert. Manchmal führen sie einen aber halt auch in die Irre. Oder wer würde bei einem Lokal, das sich allen Ernstes „Schachtelwirt“ nennt und sich im Bermudadreieck befindet, auch nur ansatzweise Geschmackvolles erwarten? Na eben. Es folgt eine Auflistung der Gründe, warum dieses Lokal namens Schachtelwirt aber definitiv kein Vollschas ist.

Erstens: Weil es gut aussieht. Aus irgendeinem der indifferenten Bermudadreieck-Tschocherln wurde da ein Take-away-Lokal im grauen Industrie-Look geschaffen, mit Zementfliesen, Holz von einer alten Stadl-Wand, Küchenverglasung mit zum Teil Butzenscheiben und einem Plafond aus mächtigen Lüftungsrohren.

Die Idee dahinter sei das Zitat der Altwiener Küchenkultur gewesen, meint Thomas Rijs, einer der beiden Schachtelwirte, daher auch die Pulttische im Stil von dekonstruierten Heurigenbankerln.

Zweitens: Weil die gut kochen. Die Idee des Schachtelwirts sei nämlich, so Rijs, schnelle Küche mit guten Grundprodukten zu machen. Das haben wir in letzter Zeit zwar schon ein bisschen sehr oft gehört, aber hier scheint es sich nicht nur um Lippenbekenntnisse zu handeln. Das Fleisch etwa stammt vom Fleischhauer Hödl, dem letzten in Wien, der noch selbst schlachtet, das Bier stammt von der Bio-Brauerei Gusswerk, Nudeln macht man selbst, vor allem aber wird frisch gekocht.

Das ist in einem Fast-Food-Lokal eher selten. Das heißt, man bestellt, der Koch stellt sich in die zum Teil butzenverglaste Küche und legt los – in maximal fünf Minuten sei das Gericht fertig, meint Rijs.

Und nicht nur das, die Schachtelwirte setzen auch auf eine Prise Kreativität. So wird der Schweinsbraten (der um 14 Uhr schon aus war, auch ein gutes Zeichen) nicht nur mit Kraut und Knödeln, sondern auch mit separat knusprig gebratenen Krusteln in die Kartonschachtel gepackt (€ 7,50), das Blunzengröstl bekommt durch gebratene Apfelstückchen und dezenten Majoran-Einsatz eine wirklich sexy Note (€ 7,50) und auch der Rote-Rüben-Salat mit Vogerlsalat, gebratener Thymian-Birne und Blauschimmelkäse war wirklich sehr, sehr gut (€ 6,50). Heidelbeerschmarren ging nicht mehr, die Portionen sind groß.

Drittens: Weil das interessante Typen sind. Rijs, zum Beispiel, war Barkeeper in der Nachtschicht, ist hauptberuflich Feuerwehrmann und kümmert sich dort seit sechs Jahren um die Verpflegung der Truppe.

Compagnon Thomas Fuchs bezeichnet sich als passionierten Hobbykoch, und dann wäre da noch ihr Kumpel Silvio Nickol, der alles andere als ein Hobbykoch ist, sondern Küchenchef im Palais Coburg und dort einer der besten Köche des Landes. Nickol hätte ihnen ein paar Tipps gegeben, sagt Thomas Rijs, und man muss sagen: Das merkt man.

Resümee:

Ein Take-away-Lokal, das endlich nicht irgendein Systemgastro-Konzept abkupfert, sondern was Eigenes macht. Und das sehr gut.

Schachtelwirt
1., Judengasse 5
Tel. 01/532 07 07
Di–Do 11.30–22 Uhr
Fr, Sa 11.30–2 Uhr
www.schachtelwirt.at


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