Großartig: Justus Neumanns kannibalistischer Abschied von Österreich

Lexikon | Kritik: Martin Pesl | aus FALTER 39/16 vom 28.09.2016

Justus Neumann feiert kompromisslos Abschied von seiner Heimat. Der in den 1970ern am Wiener Schauspielhaus groß gewordene Urwiener Freigeist hat sich vor langer Zeit ein Grundstück auf der australischen Insel Tasmanien gekauft. Zuletzt kam er mit einer eigenen kleinen Theaterfamilie - dem Regisseur Hanspeter Horner, dem bildenden Künstler Wolfgang Kalal und seinem Sohn, dem Jazzmusiker Julius Schwing - in unregelmäßigen Abständen nach Österreich und spielte Solotheater. Mit "Häuptling Abendwind oder Kaufe Niere, bezahle bar" nach Johann N. Nestroy geschieht dies nun letztmalig.

Seine Textvorlage ist eine grenzwertig rassistische Kannibalismusgroteske: Ein primitiver Stammeshäuptling lädt den Nachbarhäuptling zum Arbeitsbesuch ein. Zum Festmahl soll ein junger Fremder aufgetischt werden, der sich nach dem Verzehr vermeintlich als lange vermisster Sohn des zu Bekochenden entpuppt.

Was Neumann und Horner daraus machen, ist wirr, inkohärent und auf eigensinnig provokante Art großartig. Düstere Cowboy-Songs über das "Hamdrahn" von Ehefrauen und triste Selbstmordfantasien ergänzen die Haupt -und die Rahmenhandlung. In Letzterer kehrt Neumann aus dem abgebrannten Australien zurück und soll vorm Nestroyverein besagten Einakter spielen. Das tut er aber laut Vereinsobmann viel zu oberflächlich, weil: kein Wort von Organhandel und "moderndem Kannibalismus". So gelangt Justus Neumann genüsslich zu einer finalen Conclusio nach einer über 40-jährigen Bühnenkarriere und singt selbstironisch: "I bin a Oaschloch!"

Innsbruck, Treibhaus, Di 20.05 Salzburg, Kleines Theater, Mi 20.00


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