Film Retrospektive

Krzysztof Kieslowskis Kino der moralischen Unruhe

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 39/16 vom 28.09.2016

Er muss ein großer Zweifler gewesen sein. Seine Regieassistentin berichtete, wie er für "Drei Farben: Blau" hunderte von Pariser Wohnungen in Augenschein nahm, bis endlich das richtige Appartement für Juliette Binoches Figur gefunden war. Dass er der Intuition misstraute, hat dem Film nicht geschadet: Die Schauplatzsuche war ein Prozess, bei dem der polnische Regisseur die Stadt kennenlernte und bezeichnende Alltagsdetails entdeckte. Konkretion und Metaphysik gehen bei Krzysztof Kieslowski (1941-1996) eine ungekannte Allianz ein. Wenn er die spirituelle Dimension des Alltags erkundet, geschieht dies im Gestus der Verwurzelung. Seine Filme entwickelte er aus der Atmosphäre, zumal der Stille heraus. Spiegel und Treppen sind ikonische Motive, die auf Erkenntnis und Entscheidung verweisen. Seine Erzählhaltung ist die eines Moralisten, der lernen musste, die Sinnlichkeit zuzulassen. In der Retrospektive lässt sich mitverfolgen, wie seine Frauenfiguren mit der Zeit stärker und leuchtender werden.

In den späten 1970ern wurde er zu einem Protagonisten des polnischen "Kinos der moralischen Unruhe", der keine Angst hatte vor verhängnisvollen Fragen und unwiderruflichen Einsichten. Er mochte sich nie völlig damit abfinden, dass das Leben planlos verläuft und vom Zufall bestimmt wird. Es verlangt nach Regeln. Seine filmischen Parabeln sind von geradezu säuberlicher Präzision. In "Der Filmamateur" begreift der Titelheld, dass aus der Arbeit mit der Kamera eine Verantwortung für seine Umgebung erwächst. Kieslowskis Weltsicht mochte pessimistisch sein, als Filmemacher war er ein Optimist der Struktur: Die Zehn Gebote und die Ideale der Französischen Revolution lieferten ihm die Vorlage für Filmzyklen und zugleich einen Maßstab, um das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft zu betrachten.

Ab Fr in der Urania (OmenglU)


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