Der Aspern-Blues

Vor zwei Jahren bezogen die ersten Pioniere die Seestadt Aspern. Seither machte das rote Prestigeprojekt immer wieder Negativschlagzeilen. Eine Erkundung der größten Projektionsfläche der Stadt


Besuch: Birgit Wittstock
Stadtleben | aus FALTER 39/16 vom 28.09.2016


Foto: Christopher Mavrič

Foto: Christopher Mavrič

Es ist ein störrischer Flecken Erde, an dessen Einnahme einst schon Napoleon scheiterte: Das Blut von 56.000 Mann tränkte im Frühjahr 1809 das Asperner Schlachtfeld, nachdem Erzherzog Karl und sein Heer die französischen Invasoren nach zweitägigem Gemetzel zum Rückzug zwangen. Heute, 207 Jahre später, wird der Kampf um den 240 Hektar großen Landstrich am östlichen Rande Wiens längst nicht mehr mit Ross und Reiter geführt, sondern auf dem Reißbrett, mit futuristischen Renderings, auf Plattformen sozialer Medien, an den Wahlurnen und in den Köpfen der Leute.

Kein anderes Stadtentwicklungsgebiet des Landes steht unter so genauer Beobachtung wie die Seestadt Aspern, eine der größten Baustellen Europas. Seit die Stadt Wien im Jahr 2002 in ihrem Stadtentwicklungsplan (STEP 05) festschrieb, auf dem alten Flugfeld in der Donaustadt bis zum Jahr 2028 einen neuen Stadtteil hochzuziehen, wurde das rote Prestigeprojekt öffentlich vor aller Augen seziert: Eine urbane Smart City am Stadtrand mit Wohnraum für 20.000 Menschen, Arbeitsplätzen für 15.000, eigenem U-Bahn-Anschluss, Parks, einem künstlich angelegten See, einer gemanagten Einkaufsstraße, und das alles auf einer Fläche, so groß wie die der Bezirke Neubau und Josefstadt zusammen – kann das gelingen? Ist es möglich, nicht nur ansprechende und funktionale Architektur zu planen, sondern auch jene soziale Qualität, die eine Stadt ausmacht? Oder wird die Siedlung anstatt der smartesten aller Smart Citys bloß ein fünf Milliarden Euro teures Retortenschlafkaff? Wird die soziale Durchmischung klappen, das Gleichgewicht zwischen schicken Baugruppen, sozial gefördertem Wohnbau und Wohnungen aus der Wohnbauinitiative austariert? Andernfalls wird hier anstatt Bobohausen eine Wiener Banlieue heranwachsen.

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