"Nicht, dass ich glücklich bin, aber "

Die Berliner Elektro-Balladen-Sängerin Dillon holt sich einen Chor als Verstärkung auf die Bühne

Lexikon | Interview: Gerhard Stöger | aus FALTER 39/16 vom 28.09.2016


Foto: BPitch Control

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Zum vereinbarten Interviewtermin geht Dillon zwar ans Telfon, versucht gleichzeitig aber, ihr Fahrrad durch die Haustür zu bugsieren. Ob man ein paar Minuten später anrufen soll? „Auf keinen Fall“, sagt die 28-jährige Berliner Musikerin mit brasilianischen Wurzeln gut gelaunt. „Ich liebe die unmittelbare Überforderung.“ Dillon heißt eigentlich Dominique Dillon de Byington, bekannt ist sie für traurige Klavierballaden mit elektronischer Erdung. Ihr neues Album „Live at Haus der Berliner Festspiele“ stellt sie nun mit einer Tour samt Chorbegleitung vor.

Falter: Erinnern Sie sich noch anIhr erstes Wien-Konzert?

Dillon: Ich glaube, das war 2010 in der Arena im Rahmen der gemeinsamen Tour mit Tocotronic. Ihr Sänger und ich sind sehr eng befreundet. Er hat mich gefragt, ob ich mitkommen möchte, und ich habe „okay“ gesagt. Damals habe ich alle paar Monate vor 15 Leuten gespielt, da war das natürlich eine tolle Möglichkeit.

Was wird die aktuelle Tour bringen?

Dillon: Durch den Chor sind wir zu neunzehnt auf der Bühne. Es ist ebenso sehr eine visuelle Performance wie ein Konzert. Das Licht spielt eine wichtige Rolle, der Bühnenaufbau – das ist alles sehr durchdacht.

Wie verändern sich die alten Songs durch die neuen Arrangements?

Dillon: Sie fühlen sich dichter an, ohne dass es klaustrophobisch wird. Viele meiner Lieder sind wahnsinnig minimalistisch und leben von sehr wenig, sogar mit einem Chor haben sie noch genügend Luft. Aber es hört sich sehr gut an. Während des Konzerts in Berlin letztes Jahr nahm ich das gar nicht so wahr, es wurde mir erst durch denMitschnitt klar. So entstand dann auch die Idee, das zu veröffentlichen.

Wo fühlen Sie sich denn wohler, im Studio oder auf der Bühne?

Dillon: Wo fühlt man sich wohler, in der Küche oder im Bad? Und was haben diese Räume gemeinsam, außer dass man im einen Essen in den Mund steckt und im anderen eine Zahnbürste? Ich habe mich auf Bühnen sehr lange sehr unwohl gefühlt. Mittlerweile weiß ich Auftritte zu schätzen. Nicht, dass ich glücklich bin, aber es fühlt sich gut an. Und im Studio auch. Aber eigentlich hat das eine kaum mit dem anderen zu tun. Auf der Bühne ist alles nur mein Körper und mein Herz, im Studio hingegen arbeitet tatsächlich auch mein Gehirn.

Was ist dann im Studio wichtiger, der Kopf oder der Bauch?

Dillon: Wichtig ist beides. Nur: Mein Gefühl kann ich nicht beeinflussen, mein Hirn aber sehr wohl anstrengen. Meine Intuition ist mein stärkstes Organ, da gibt es kein Misstrauen.

Passieren Ihnen die Lieder oder erarbeiten sie sie?

Dillon: Die Produktion und das Arrangement werden gezielt erarbeitet. Bei den Melodien, Harmonien und Thematiken dagegen kann ich nur morgens aufwachen und hoffen, dass etwas nicht allzu Unangenehmes da ist, das ich verarbeiten möchte. Ich habe wenig Einfluss darauf und gehe einfach mit, auch wenn ich das Thema gar nicht mag. Besonders bei meinem zweiten Album „The Unknown“ war das sehr anstrengend, weil ich wirklich unerträgliche Themen bearbeitet habe. Für das dritte Album entstehen aber gerade nur Liebeslieder, und das ist total angenehm und schön.

Wird sich mit den Themen auch Ihr Sound ändern?

Dillon: Wohl kaum. Auch wenn ich Liebeslieder singe, wird es sich nicht nach Sonnenschein anhören.

Was legen Sie in traurigen Momenten selbst auf? Musik, die die Stimmung unterstreicht, oder solche, die sie bricht?

Dillon: Mal so, mal so. Auf Nick Cave folgt Britney Spears, nach Antony kommt Selena Gomez. Und dann aber doch auch ein ganzes Album von U2, es gibt da kein Rezept.

Woher rührt eigentlich Ihr Faible, sich auf Fotos und Plattencover leicht verfremdet darzustellen?

Dillon: Ich bin ein großer Fan von Verkleidung und ästhetischer Veränderung. Sei es mit Haar, Make-up, Kleidung, Perücken oder Nägeln. Mein kleiner Bruder macht so etwas auch wahnsinnig gern, vielleicht haben wir das von unserer Mutter mitbekommen.

A propos: Ein Lied des Livealbums moderieren Sie mit den Worten „Mama, this one’s for you“ ein. Abgeklärte Coolness ist Ihnen wohl nicht so wichtig?

Dillon: Nein, ich bin nicht besonders eitel. Im Gegenteil. Ich reiße mich nicht zusammen, um irgendwie anders rüberzukommen. Außerdem liebe ich meine Mutter. Dieses Lied habe ich tatsächlich für sie geschrieben und an diesem Abend auch für sie gesungen. Das war einfach ein kleiner shout-out to Mama. Ist das uncool? Ich würde nie auf diese Idee kommen.


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