Spuren von Nüssen enthalten

Ein neues Lokal widmet sich ein bisschen der Nuss und der Maroni

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 40/16 vom 05.10.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Seit Jahrtausenden werden Maroni von schlauen Menschen gesammelt, getrocknet, zu Mehl vermahlen, zu sagenhaft gutem Brot gebacken, zu Bier gebraut oder einfach nur über der Glut geröstet und zum Schilchersturm serviert. Im burgenländischen Liebing gibt es ein Wäldchen, in dem 350 Jahre alte Kastanienbäume stehen, unter denen selbst der ärgste Zyniker Demut empfindet – hoch lebe die Maroni!

Vor fünf Monaten machten Asim Hasanov und Faradzh Akhverdiev am Neuen Markt ein Lokal auf, das sie nach der göttlichen Stachelfrucht benannten, auf Englisch halt. Und sie ließen es mit Jutesäcken, Holzkisten, dekorativen Rohrleitungen und schummrigen Holzlampen in Richtung gestyltes Café mit Lagerhausanmutung gestalten. Und sie behaupten, Wiens erste Nussmanufaktur zu betreiben, in der Nüsse frisch geröstet und Maroni das ganze Jahr über zubereitet würden, zumindest stand das so in der Presseaussendung, die allenthalben brav abgeschrieben wurde.

Das kann man Menschen gegenüber, die zu Nüssen ein stark emotionales Verhältnis haben (also zum Beispiel mir), aber nicht so einfach in den Raum stellen. Und dann natürlich überhaupt keine erste Wiener Nussmanufaktur betreiben, sondern bei Bestellung im Küchenkobel halt ein paar marinierte Nüsse ins Rohr schieben und die dann aufgewärmt, weich und leicht klebrig in einem Häferl servieren (€ 3,–). So etwas macht Nussmenschen sehr traurig.

Auch küchenmäßig setze man sich intensiv mit Nuss und Maroni auseinander, heißt es, und tatsächlich ist die Versprechung nicht ganz leer: Der „Fitnesssalat“ etwa bestand aus rohem Radicchio, einem Streifen Zuckermelone, einem Streifen Wassermelone, einem Klacks Ricotta und ein paar ranzigen Walnüssen – bei aller Liebe zur Nuss, aber das war der sinnloseste Salat seit langem (€ 7,50). Auch in ein paar anderen Gerichten tauchen dann noch irgendwelche Alibinüsse auf, ein recht erfrischender, mit Chili-Öl durchaus feurig angelegter Wassermelonen-Gazpacho weist geröstete Mandeln auf, die hauchdünn geschnitten und in geringer Grammatur tatsächlich neben grünen Kokosgeleewürfeln herumschwimmen (€ 6,50).

Beim Saté-Burger kommt zumindest Erdnusssauce vor, Huhn, Zander und Steak aber sind nuss- und maronifrei. Bleibt das Süßkartoffel-Dreierlei, eine Kombination aus Gnocchi, einem mit Käse überbackenen Süßkartoffelstrudel und ein paar Klecksen Süßkartoffelcreme mit seltsamer Haselnusssauce und drei grünen Spargeln, die – im Gegensatz zur Maroni – jetzt ja eher weniger Saison haben. Wem auch immer dieses Gericht eingefallen ist, er oder sie sollte zurück zum Start (€ 12,50).

Der Herr vom Service war sehr nett, Kastanienbier gibt es nicht, in Kastanienfässern ausgebauten Wein auch nicht, dafür irgendwelche Cocktails. Wozu Konzept, wenn man’s nicht einhält?

Resümee:

Ein schickes, aufwendig gestaltetes, kleines Restaurant, das seine nüsslichen und maronimäßigen Versprechungen nicht hält.

Chestnut
1., Neuer Markt 8a
Tel. 0664/473 07 07
tägl. 11–2 Uhr
www.chestnutvienna.com


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