Kunst Kritik

Subversive Kunst: Rückkehr aus dem Grab

Lexikon | NS | aus FALTER 40/16 vom 05.10.2016

Im Zürcher Migros Museum war 2015 eine spannende Ausstellung zu ästhetischen Strategien des Widerstands zu sehen, mit denen lateinamerikanische Künstler seit Ende der 1960er auf die dortigen Militärdiktaturen reagierten. Im Rahmen von curated by_vienna bringt die Migros-Leiterin Heike Munder den Ableger "Resistance Performed Revised" ihrer lange recherchierten Museumsschau in die Kerstin Engholm Galerie. Auch ohne viel Kenntnis über die Schreckensregime in Brasilien, Chile und Argentinien haben es die gezeigten Kunstaktionen in sich, aber wer weiß, wie gefährlich jegliches Aufbegehren gegen Pinochet & Co war, der kann diese Künstler nur bewundern.

Beeindruckend sind die Arbeiten aber nicht bloß aufgrund ihres Muts und Protestgehalts, sondern aufgrund der poetischen Dimension ihrer praktizierten Unbeugsamkeit. So zeigen vier Performancefotos von Elías Adasme den Künstler 1981, wie er vor einer Landkarte Chiles unter Erde begraben liegt, aufersteht und mit Gedichtzeilen auf der Brust an die Kämpfe der indigenen Bevölkerung gegen die Konquistadoren erinnert und so an historische Siege gegen Unterdrücker gemahnt.

In den Straßen von Sao Paulo rüttelte 1979 die Künstlergruppe 3Nós3 die Leute auf, indem sie Denkmalfiguren Plastikssäcke über die Köpfe zog und sie so wie Folteropfer aussehen ließ. Teil der Aktion war auch die Information der Presse als vorgeblich "besorgte Bürger", so erhielten die Verhüllungen mehr Aufmerksamkeit. Ihr Landsmann Paulo Bruscky hängte sich hingegen ein Schild mit den Fragen "Was ist Kunst? Für was ist sie gut?" um den Hals, lief durch die Straßen und posierte in leeren Schaufenstern. Erfreulicherweise zeigt die Schau auch feministische Performancevideos von Anna Bella Geiger, Letícia Parente und Sonia Andrade.

Kerstin Engholm Galerie, bis 15.10.


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