Tiere

Erregungslos

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 40/16 vom 05.10.2016


Der Herbst könnte eine ruhige Jahreszeit sein, wo man die Sonnenstürme, Nuditäten und anderen sinnlichen Erregungen der Sommermonate überwunden hat und der frische Sturm im Glas für die einzigen wilden Momente sorgt. Könnte sein. Wenn da nicht noch Tiere wären, die trockene und frostsichere Orte suchen und solche oft in Wohnungen finden.

Dann geht es im beliebten Erregungshafen Facebook heftig los. Fotos werden hochgeladen und von Alarmgeheul und vielen Rufzeichen begleitet: Die kommen bei uns aus der Wand / Die sind jetzt überall in Wien / zu Hilfe, Invasion!!! Kommentatoren kommen auch gleich zur Sache: Ekelige Stinkviecher, mit Fliegenklatsche erschlagen, mit Gummihandschuh ins Klo, runterlassen, Schnaps trinken, sich abbeuteln. Nachdem man Tiergruppe auf „Stinkwanzen“ eingegrenzt hat, wird echtes Interesse laut: Was tun die depperten Wanzen? / stinken die, wenn man sie kaputtmacht? / welche Art Gift muss man in die Lücke im Fensterstock injizieren? Besonnene Tipps (Niemöl, Lavendel) werden von Menschen, die sonst nur im Biomarkt einkaufen, als „kindergartenpädagogische Übungen“ verlacht. Mein Hinweis, es handle sich um Dunkeldornige Fruchtwanzen, deren Sekret bloß gleichermaßen ungefährliche wie ungesättigte Aldehyde wie Trans-2-Heptenal enthalte, hat leider nicht zur Wiederherstellung der inneren Gelassenheit beigetragen.

Bei der „Empfehlung 3 betreffend Wolf und Almweiden“ im gerade erschienenen „Grünen Bericht“ fehlt hingegen vergleichbare öffentliche Aufregung. Eine sogenannten §-7-Kommission wünscht sich darin die ganzjährige Jagd auf Wölfe, um einen „wolffreien Alpenraum zu ermöglichen“. Der WWF und der Naturschutzbund schreiben zwar, dass dies gegen geltendes EU-Recht und auch die nationalen Gesetzgebung verstoßen würde, aber sonst regt diese Idee niemanden auf.

Der Abschuss einzelner Wölfe hat nämlich nicht weniger gerissene Nutztiere zur Folge, sondern der Verlust von Elterntieren führt dazu, dass Wölfe ihr Jagdverhalten ändern. Statt Rotwild, Hasen, Murmeltiere und Füchse suchen sich verwaiste Tiere leichtere Beute. Schafe bilden bei Gefahr nur dichte Gruppen und flüchten nicht. Man könnte sie durch Hirtenhunde oder Zäune schützen, aber das entspricht nicht „der traditionellen, über Jahrhunderte gewachsene Alm- und Weidewirtschaft“. Ich poste das mal auf Facebook, vielleicht regt sich dort jemand auf!


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige