Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Herbstregen der Welt der Woche


STEFANIE PANZENBÖCK
Feuilleton | aus FALTER 40/16 vom 05.10.2016

Am vergangenen Sonntag war es endlich so weit. Der erste Herbstregen, der diesen Namen auch verdiente, prasselte auf die trockenen Straßen und Gehsteige der Stadt. Charmant verbannte er die letzten Staubreste und Schweißtropfen des Sommers in den Kanal, sprenkelte die Scheiben der Auslagen und beschleunigte den Schritt der Stadtbewohner in Richtung der Cafés und wohnlichen Unterkünfte.

Doch auf der Flucht vor dem Nass verpasst man so viel. In der Stadt etwa den Abfluss der hitzigen Sommeraggression, die fast greifbar die Straßen hinunterschwimmt, den Moment einer erleichternden Leere, wenn man in die grauen Regenlacken blickt und der dahinjagenden Existenz ein paar Sekunden Nichtigkeit gönnt. Dafür sind gar keine esoterisch anmutenden Tänze notwendig oder ein theatrales Ausstrecken der Arme, während sich der Mund zu einem Grinsen verzieht - es reicht ein stumm begeistertes Genießen mitten auf dem Asphalt.

Freilich mutet der Regen noch viel schöner an, ist man gerade auf einem Spaziergang im Wald. Leistet das Blätterdach der Bäume vorerst noch dem Regen Widerstand, so fallen die Tropfen mit der Zeit umso stärker und fetter auf den aufgeweichten Boden und die Spaziergängerin, die ihre Schuhe im halbflüssigen Matsch badet. Ist erst die Kleidung nass, gatscht es sich wunderbar. Der Regen ist noch warm genug, um die Erkältung im Versteck zu halten, selbst das stundenlange Kontemplieren an Seen und Flüssen über die Hüpfweite von Wassertropfen lockt sie noch nicht hervor.

Doch die graue Kälte kommt bestimmt, und aus dem ersten Herbstregen wird irgendwann ein eisiger Schauer im November. Alles ist etwas starrer, langweiliger und langsamer. Welch eine Wohltat. Da lobe ich mir das Eis noch mehr als den Regen.


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