"Die Utopie ist möglich"

Neue Lieder von Eva Jantschitsch bei der Rotes-Wien-Revue "Alles Walzer, alles brennt"


INTERVIEW: MARTIN PESL
Lexikon | aus FALTER 41/16 vom 12.10.2016


Foto: Lupi Spuma

Foto: Lupi Spuma

Mit dem Neuarrangement der „Proletenpassion“, im Original von Heinz R. Unger und den Schmetterlingen, landete die Musikerin Eva Jantschitsch alias Gustav vergangenes Jahr einen ungeahnten Theaterhit. Das Stück soll ab Anfang 2017 wieder laufen, diesmal wie das Original in der Arena; noch im Dezember erscheint die Neufassung als Album. Mit Christine Eder, der Regisseurin von „Proletenpassion 2015 ff.“, hat Jantschitsch jetzt ein weiteres zeithistorisches Projekt erarbeitet. Ausgangspunkt sind Biografien und Originaldokumente aus der Ära des Roten Wien. „Alles Walzer, alles brennt“ ist am Volkstheater zu sehen.

Falter: Frau Jantschitsch, Sie zitieren in den Songs für „Alles Walzer, alles brennt“ den Wiener Sound von damals und heute. Was heißt das?

Eva Jantschitsch: Was die kontemporäre Wiener Musik angeht, habe ich mich an Cloudrap à la Yung Hurn oder Sounds von Klitclique orientiert. Mehr Betonung liegt aber auf dem Jazz der 1920er, Kabarettmusik, dem Sound von Hermann Leopoldis Chansons und der schwarzen Lieder Qualtingers aus den 1960ern und dem Dudeln der von mir sehr verehrten Maly Nagl. Ein klassisches Arbeiterlied darf natürlich auch nicht fehlen. Und ein bisserl No Wave ist auch dabei.

Wie bei „Proletenpassion 2015 ff.“ arbeiten Sie wieder mit Christine Eder. Fühlt es sich sehr anders an?

Jantschitsch: Alle Karten sind neu gemischt. Die „Proletenpassion“ verstehe ich als Rockoper, bei „Alles Walzer“ verwenden wir hingegen den Begriff „Revue“ eher nur als formale Klammer. Die Energie des Abends liefert primär das Schauspielensemble.

Welchen Bezug haben Sie zur im Stück behandelten Zwischenkriegszeit?

Jantschitsch: Wiener Moderne, Zwölftonmucke, Dada – künstlerisch gesehen ist das eine unglaublich aufregende und inspirierende Zeit. Mir persönlich gehen die Aktivistinnen aus der ersten Welle des Feminismus nahe. Diesen Ladys fühle ich mich zu großem Dank verpflichtet.

Was war für Sie das überraschendste Ergebnis der Recherche?

Jantschitsch: Mich beeindruckt die Konsequenz der roten Wiener Stadtregierung. Durch die berüchtigte Steuer auf Luxusimmobilien und die Vergnügungssteuer konnte Geld lukriert werden, was zur Folge hatte, dass für die Leute, die nichts hatten außer vielleicht ein rotes Parteibücherl, über 60.000 Gemeindewohnungen gebaut wurden. Andere lernen das in Geschichte, ich war da aber scheinbar gerade nicht anwesend. Deshalb hat mich das Ganze doch sehr geflasht.

Geht von „Alles Walzer, alles brennt“ auch ein aufrührerischer Funke aus?

Jantschitsch: Einerseits kann die behandelte Zeitspanne wie eine dunkle Prophezeiung unserer Gegenwart gelesen werden: die Zaghaftigkeit der erstarkten Sozialdemokratie gegenüber dem Austrofaschismus; die ökonomischen Krisen, die Angst vor „Fremdem“ als Vehikel, um Massen in Schach zu halten. Das Rote Wien war aber auch eine gelebte Utopie, ein Funke Hoffnung, dass sich der Wunsch nach einem besseren Leben für viele erfüllen lässt. Also: Die Utopie ist möglich, lasst bitte nicht kampflos von ihr ab. Und seid so mutig, sie zu denken und einzufordern.

Der Untertitel des Stückes lautet „Eine Untergangsrevue“. Wird das eher ein Abend in Dur oder in Moll?

Jantschitsch: Wir haben den Untertitel durchaus ernst genommen. Es wird zuweilen zappenduster, muchos Downtempo. Aber wir haben auch fürs Ronacher-affine Publikum Schmankerln vorbereitet. Der Schwerpunkt des Abends liegt jedoch auf den zu verhandelnden Informationen. Die Musik setzt bewusst nicht aufs didaktische Protestlied, sondern ist als emotionaler, manchmal nostalgischer Soundtrack zu verstehen. Die Darsteller singen zuweilen in sehr hohen Lagen, dort, wo die Stimmen fast brechen.

Sind singende Schauspieler
Segen oder Fluch?

Jantschitsch: Elaborierte Singtechnik und Virtuosität stehen meinen Ansprüchen oft eher im Wege. Wenn man etwas Glück hat und ein Song auf die zugeordnete Interpretin passt, wird das fremde Lied zum eigenen.

Sie sind seit 2005 immer wieder als Theatermusikerin tätig. Was ist der Reiz dieser Arbeit?

Jantschitsch: Ich kann auf bestehendes Textmaterial mit meinen musikalischen Fähigkeiten reagieren und versuchen, klanglich wie poetisch eine zusätzliche Ebene zu etablieren, die der Inszenierung zuträglich ist. Bühnenmusik bedeutet für mich, genau in der Vorbereitung und wendig in der Einarbeitung zu sein.


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