Selbstversuch

Nein, das tun wir eindeutig nicht

Doris Knecht ist eigentlich nicht würdig

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 41/16 vom 12.10.2016

Der einzige Verein, in dem ich Mitglied bin, ist der Franz-Michael-Felder-Verein; eine zauberhafte literarische Gesellschaft von Adorantinnen und Adoranten des Bregenzerwälder Schriftstellers.

Nun bin ich des Franz-Michael-Felder-Vereins fraglos unwürdigstes Mitglied, weil ich von Felder noch immer nur seine Autobiographie "Aus meinem Leben" gelesen habe, sein letztes und berühmtestes Werk, das allerdings erst 40 Jahre nach seinem Ableben erschienen ist. Felder starb 1869 in Schoppernau, wo er auch geboren war, er war noch nicht einmal 30 Jahre alt.

In Wien kennt, musste ich feststellen, Felder so gut wie niemand, jetzt außer den Exil-Vorarlbergern. Nicht einmal meine Lieblingsbuchhändlerin kennt Felder, und die kennt sonst praktisch alles, was je auf Deutsch zwischen zwei Buchdeckel gedruckt wurde.

Vielleicht, weil Felder so eine außerordentliche Schriftstellerbiografie hat, weil er so weit weg, außerhalb und abseits des Wiener Literaturbetriebs des 19. Jahrhunderts aufwuchs, lebte und schrieb: Denn Franz Michael Felder war nicht nur Schriftsteller, er war sein Lebtag lang auch ein hart arbeitender Bauer und in seinen letzten Jahren ein wichtiger Sozialreformer, der, um das die Bregenzerwälder Kleinbauern knechtende Monopol der Käsegrafen zu brechen, eine Käsegenossenschaft gründete, eine Volksbibliothek und die "Vorarlbergische Partei der Gleichberechtigung", der es um soziale Gleichberechtigung und Demokratisierung ging.

Felders Lebensbericht ist gleichermaßen bedrückend und beeindruckend: Er war ein wissens-und bildungshungriger Grübler und Querdenker, süchtig nach Lektüre aller Art, was zu seiner Zeit in seiner Welt kaum zu bekommen war und ihn zu einem, wie er selber schrieb, Sonderling machte, der noch härter arbeitete und auf Schlaf verzichtete, nur um sich eine Zeitung leisten zu können. "Aus meinem Leben" ist auch eine hervorragende Lektüre für Menschen, die der Meinung sind, wir lebten in den schlechtesten Zeiten. Das tun wir nicht. Die Härte des Lebens, die Felder beschreibt, ist für uns hier nicht einmal mehr vorstellbar.

Würde das Kind Franzmichel Felder heute leben, hätte es vermutlich zwei gesunde Augen (Felder war auf einem Auge blind, weil ein betrunkener Arzt an dem Einjährigen herumgepfuscht hatte), sein Talent würde erkannt und gefördert werden, es wäre eingebettet in ein soziales Netz, es hätte Zugang zu Bildung und finanzieller Unterstützung. Felder nicht; und auch nicht sein "Wible", Felders geliebte Frau Nanni, die er Anfang 20 heiratete: Sie starb, nachdem sie fünf Kinder geboren hatte, mit 29 Jahren: Felder überlebte sie nur um ein paar Monate, in denen er "Aus meinem Leben" schrieb. Ich lese es jetzt nochmal.

Doris Knecht liest am Donnerstag, 13.10., im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Wir sind Felder" aus Franz Michael Felders "Aus meinem Leben", dazu gibt es ein Gespräch mit Jürgen Thaler: Wien Museum, 18.30 Uhr


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