Stadtrand Urbanismus

Spiel mit mir das Wartezimmermikado

Lukas Matzinger zieht eine E-Card und rückt auf Los vor

Stadtleben | aus FALTER 41/16 vom 12.10.2016

Vielleicht sollte man Soziologiestudenten gestatten, ihre Forschungspraktika in den Wartezimmern von Wiener Ärzten abzuhalten. Das sind fantastische Orte, an denen insofern jeder freiwillig, aber keiner gern ist, als die ausharrende Erwartung der Heilung ja nicht abzuwenden ist. Das einzig Reizende an diesen Orten geballter Sinnlosigkeit ist die unangenehme Stille fremder Menschen, die echte Festivals der kleinen Gesten und Gebote entstehen lässt.

Den ersten Befund gibt's zu Beginn: Wer grüßt die stumme Runde mit Gemurmel, wer erdreistet sich, mit dieser Gepflogenheit zu brechen? Wer wird's mit Smalltalk versuchen, wer die Zeitung auf seinem Schoß kommentieren, wer die exklusivsten Körperleiden offenlegen?

Wer senkt den Kopf zum Handyspiel? Wer greift zum Männermagazin mit Brüsten darauf? Wer schafft es, sein Kind auf konventionell erträglicher Lautstärke zu halten? Und wer wird Überschreitungen feststellen?

Ausländer dürfen beim Wartezimmermikado übrigens laut Reglement weniger. Ihre Handys sind scheinbar von Natur aus störender, ihre Kinder gfrastiger. Echte Spieler wissen das.


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