Film Neu im Kino

Das Mordschloss: "Nebel im August"

Lexikon | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 41/16 vom 12.10.2016

Er gehöre nicht hierher, protestiert Ernst lautstark, als er in eine Heilund Pflegeanstalt in Süddeutschland verbracht wird, nicht zu diesen Kindern mit den "Idiotenfrisuren". Man schreibt das Jahr 1942 und die berüchtigte Anstalt Kaufbeuren/Irsee war die letzte Station im Leben des 13-jährigen, als "schwererziehbar und asozial" diagnostizierten Ernst Lossa, auf dessen Geschichte die deutsch-österreichische Koproduktion "Nebel im August" beruht.

Ernst (Ivo Pietzcker) ist ein aufgeweckter Bub, dem schon bald Zweifel an den guten Absichten des leutseligen Klinikleiters Dr. Veithausen (Sebastian Koch) - real: Dr. Faltlhauser - kommen. Tatsächlich ist der Mann eifriger ein Verfechter des Euthanasieprogramms der Nazis und stolz auf sein Rezept der "Entzugskost" aus ausgekochten Lebensmitteln ohne jeden Nährwert: "Die Patienten verhungern, während sie essen."

Insgesamt wurden über 200.000 psychisch Kranke und Behinderte zwischen 1939 und 1945 im Zuge der NS-Euthanasie ermordet. Regisseur Kai Wessel, der sich seit der Miniserie "Klemperer" (1999) für zeithistorische Stoffe empfiehlt, setzt auf Empathie und inszenatorische Sorgfalt. In wichtigen Szenen, etwa wenn eine der Schwestern (Todesengel: Henriette Confurius) einem Kind vergifteten Himbeersaft zu trinken gibt, herrscht dramatische Stille.

Seine stärksten Szenen findet der packende und überraschend unpeinliche Film, sobald die Kinder unter sich sind. Wenn Ernst und die hübsche Nandl -die, als einzig fiktive Figur, auch für die wenigen Überlebenden der Mordmaschinerie - nachts auf dem Dach sitzend, sich am fernen Widerschein des schönen Feuers nach einem Luftangriff wärmen und von einer Zukunft am Michigansee träumen, hat man einen wahrhaft utopischen Kinomoment erlebt.

Bereits in den Kinos


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