Doris Knecht Selbstversuch

Dafür brauche ich keinen Epplinger


Doris Knecht
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 42/16 vom 19.10.2016

Kleines, läppisches Formproblem: Mein alter Freund Honzo, der nun schon seit einigen Jahren in Hamburg lebt, ist wieder einmal in der Stadt. Wir haben uns lange nicht gesehen. Er hat sich angekündigt, ich habe mich gefreut, wir haben uns verabredet, zu einem Mittagessen. Es ist viel passiert, seit Honzo und ich uns zuletzt gesehen haben, bei ihm und bei mir, Positives und Schwieriges, auf beiden Seiten, es gibt viel zu erzählen.

Am Abend vor dem Treffen ein kleines Wann-und-wo?-Mail-Hin-und-Her, alles easy, alles fein, Ort und Zeit sind schnell verabredet. Ich schreibe, dass ich mich freue. Honzo schreibt, er freue sich auch und ich könne bei dieser Gelegenheit seine neue Freundin kennenlernen. Was?! Er will seine Freundin mitbringen? Ja, darf er das überhaupt? DDr. Rainer Epplinger, darf er das?

Allerdings brauche ich keinen Epplinger, um diese Frage zu beantworten: Natürlich darf er das nicht. Auf gar keinen Fall darf er das, erstens grundsätzlich: Das tut man nicht, ohne vorher zu fragen, ob das okay ist. Zweitens kenne ich Honzo jetzt seit sehr vielen Jahren, 20, glaub ich, und Honzo kennt mich seit 20 Jahren, in all meiner, nennen wir es: heterogenen Vielschichtigkeit und meinem Hang zu einer starken, nein, hochgradigen Unwilligkeit, Leute kennenzulernen, die ich nicht schon kenne. Was, unter anderem, dazu führt, dass ich nach einer Lesung etwas außerhalb der Stadt das sehr freundliche Mitfahrgelegenheitsangebot einer sehr netten Dame so freundlich wie möglich ablehne, weil ich lieber mit dem Zug fahre, auch wenn's doppelt so lange dauert: allein, stumm, konversationsdruckfrei, Kopfhörer auf den Ohren, mit Gilbert Becaud drin, Frank Ocean, Cass McCombs, Billy Bragg und John Henry und meinem aktuellen Dylan-Repeat-Track "Ballad of a Thin Man".(Ach ja, Dylan! Wahnsinnig großartig natürlich, eh klar: still happy.)

Und drittens: Drittens hat Honzo sich letztes Mal, als man vor drei Jahren oder so mit ihm essen war, eine halbe Stunde lang über die taktund manierenlosen Menschen in seiner Umgebung beschwert, zum Beispiel die eine Freundin -also jetzt nur noch entfernte Bekannte, Honzo ist in Stilfragen eher rigoros -, mit der er zum Lunch verabredet war, und dann tauchte plötzlich mitten im Essen ihr Mann auf, kannst du dir das vorstellen?! Dass fünf Minuten nach Beendigung dieser Klage unangekündigt eine offenbar ebenfalls zu unserem Abendessen eingeladene Freundin Honzos am Tisch Platz nahm, war etwas völlig anderes.

Ich schreibe an Honzo: Ah, ich dachte, dass wir zwei uns treffen, viele Bussis. Honzo schreibt nichts. Ich lasse zwei Stunden vergehen und sage die Verabredung dann unter Heranziehung extrem fadenscheiniger Gründe ab, eine überaus durchschaubare und völlig überspannte Fluchtkonstruktion, die Honzo natürlich sofort als solche identifizieren wird. Egal. Vielleicht nächstes Mal. Don't think twice, it's alright.


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