Tiere

Das neue Schwarz


Peter Iwaniewicz
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 42/16 vom 19.10.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Eigentlich misstraue ich Texten, die mit diesem Adverb beginnen, weil dieses Wort sowohl Tatsache als auch Möglichkeit sein will und daher meist von einem „aber“ relativiert wird.

Eigentlich wollte ich hier über den Pangolin, das Schuppentier, schreiben, das für Zwecke der Traditionellen Chinesischen Medizin zu den am meisten gewilderten Säugetieren der Welt zählt. Aber dann setzte ich in einer bekanntermaßen gefährlichen Mischung aus Prokrastination und Mitteilungsbedürfnis ein Posting auf Facebook ab.

Ein freundlicher Leser hatte mir scharfe (ja!), zahlreiche (jaja!) Detailansichten (jajaja!) der Marmorierten Baumwanze (Halyomorpha halys) gemailt, die in den letzten Wochen sehr zahlreich in Wiener Wohnungen eingedrungen war und dies bis zu den ersten Nachtfrösten auch weiterhin tun wird. Beglückt von dieser Täteridentifizierung korrigierte ich meine ursprüngliche Vermutung, besagter Hausgast wäre eine bestimmte Fruchtwanzenart. Kurzum ein Eintrag, der bislang nur eine sehr kleine Gruppe entomologisch interessierter Menschen zum leichten Anheben einer Augenbraue veranlasst hätte.

Der Verband der Tierkolumnenschreiberei hatte mich in der Vergangenheit schon mehrmals zart darauf hingewiesen, dass Geschichten über Insekten nicht auf übermäßiges Interesse bei den Lesern stoßen und diese viel lieber Storys von Lebewesen mit Nase, Ohren und Fell lesen würden. Ha, das war einmal! Insekten sind das neue Urban Gardening! Keine Topfpflanze, kein Dachgarten und kein Selbsternteprojekt kommt mehr ohne sie aus. Jeder Helikoptergärtner kann ausführlich und mit überraschender Detailkenntnis über die Pflanzengäste (Schädlinge sagt man besser nicht mehr) an seinen Paprikastauden berichten.

Mit bewundernswerter Ausdauer beobachten manche von ihnen sogar das Schlüpfen der winzigen Larven aus den Eigelegen und ihre weitere Entwicklung. Das ist für eine artgenaue Bestimmung der Tiere auch notwendig, denn Insekteneier unterscheiden sich – wenn überhaupt – nur in winzigen Details, die selbst Kuratoren in naturwissenschaftlichen Sammlungen nicht kennen.

Wer sich an dieser belebten Umwelt nicht erfreuen kann, der soll einfach den Spieß umdrehen und statt Pflanzen diese Tiere zu züchten versuchen. Trotz aller Bemühungen prognostiziere ich einen schnellen Tod der Insekten. Und erwarte dann Wehklagen über die „Scheißpflanzen“, die mit ihren Abwehrstoffen die süßen Larven vernichtet haben.


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