Die Kleider der Toten - ein Prinzessinnendrama

Sabine Mitterecker schenkt Elfriede Jelinek zum 70er eine wohlklingende Inszenierung von "Schatten (Eurydike sagt)"

Feuilleton | Kritik: Martin Pesl | aus FALTER 42/16 vom 19.10.2016

Elfriede Jelinek soll sich besonders gefreut haben, dass eines ihrer Stücke an einem Ort aufgeführt wird, wo früher Särge hergestellt wurden. "Schatten (Eurydike sagt)", dieser gallige Monolog der gen Unterwelt entkörperten Sängersgattin, der auch eine Reflexion über die Vergnüglichkeiten des Totseins ist, passt besonders gut in die nunmehrige Kulturstätte F23 in Liesing, eine Art Jenseits für Wiener.

In "Schatten" kommentiert eine moderne, shoppingsüchtige Version der Sagengestalt Eurydike ihr Leben, ihren Tod und -recht peinlich berührt - den Versuch ihres Mannes, des Sängers Orpheus, sie mithilfe seiner Gesangskünste ins Leben zurückzuholen, wo er sie erst recht wieder als Objekt behandeln würde.

Sabine Mitterecker teilt den Text auf drei Schauspielerinnen auf, die unterschiedliche Aspekte des Eurydike-Ich herausarbeiten. Sarah Sanders ist die quirlige Kleidersüchtige, Alexandra Sommerfeld versprüht als aparte Lady gewitzte Worte der Verachtung gegenüber dem eitlen Gemahl und dessen Groupies, und Christina Scherrer gibt überzeugend die spröde Rockerbraut mit knarzender Lederhose, Aufschrift-T-Shirts und E-Gitarre (Klangregie: Wolfgang Musil). Wie das Publikum, das keine fixen Sitzplätze hat, wandeln die drei jede für sich durch die kalte Halle. Ihre durch Mikroports verstärkten Stimmen schweben, auch wenn man gerade nicht weiß, wo sich die Körper dazu befinden, wie Schatten im Raum. Der fein gearbeitete Text wirkt dadurch umso frischer, und alle drei Eurydiken erhalten plastische Persönlichkeiten, denen man nur allzu gerne ihr eigenes Rockkonzert gönnt.

20., 23., 25.10. im F23.; www.theaterpunkt.com


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