Baukultur im Mistkübel?

Die Posse um die nicht gebaute Zentrale der MA 48 und ihren von der Jury verschmähten Mistkübel-Entwurf sorgt für Aufregung unter Wiens Architekten. Ist es wirklich, wie Stadträtin Ulli Sima beteuert, ein "ärgerlicher Einzelfall", oder ist etwas faul in der Wiener Baukultur? Ein Überblick über den Stand der Debatten

Analyse: Maik Novotny | Stadtleben | aus FALTER 42/16 vom 19.10.2016


Foto: privat

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Beginnen wir mit einer etwas ungewöhnlichen und leider etwas unappetitlichen Frage: Was hat Hundekot mit Baukultur zu tun? Nichts, würde man meinen. Doch zumindest in Wien haben die beiden Begriffe eine Schnittmenge. Genau, es geht um die Magistratsabteilung 48. Diese macht zweifellos einen sehr guten Job. Sie macht auch sehr viel Werbung dafür, dass sie ihren Job macht. Kampagnen, Aktionen, Mistfeste, Inserate, Plakate und Stadträtinnenkonterfeis noch in den abgelegensten Gehölzen der Lobau. Eine besondere Vorliebe hegt die Werbeagentur der MA 48 offenbar für die Hinterlassenschaften von Vierbeinern und affichiert gerne hundertfach vergrößerte Fotos von Hundekot oder aufgetürmten Hundekotsackerln auf Plakaten im öffentlichen Raum. Nun hat die Koprophilie gerade in Österreich in Kunst und Psychologie eine lange und interessante Geschichte, aber müssen wirklich mit Steuergeld Fotos von Hundekot angefertigt werden? Und was kostet das eigentlich?

Das haben sich auch die Gemeinderäte der Neos gefragt, die am 22. März 2016 eine Anfrage an Umweltstadträtin Ulli Sima bezüglich der Kosten der soeben gestarteten „Schmutzkübel-Kampagne“ stellten, eine PR-Aktion, die die Bürger Wiens darauf hinweisen sollte, den Mist bitte in Mistkübel zu werfen. Gefragt wurde auch nach dem gesamten Werbebudget der MA 48 im Jahr 2015. Die Antwort auf die erste Frage: 253.300 Euro. Die Antwort auf die zweite Frage blieb aus.

Wenn man so stark auf PR fokussiert ist wie die MA 48, ist es nicht verwunderlich, dass man einen Mistkübel als die ideale Form für eine Bürozentrale ansieht, um den Passanten die Information zu vermitteln, dass es in Wien eine Müllabfuhr gibt. Und hier sind wir schon bei der Baukultur. Die Ausschreibung des 2013 ausgelobten Architekturwettbewerbs wies die sechs geladenen Büros an: „Die Gebäudeform soll ein Symbol für die Wiener Abfallwirtschaft darstellen und in der Formensprache an einen Abfallkübel erinnern.“ Insofern traf der von Ulli Sima und ihrem Partner, MA-48-Chef Josef Thon, bevorzugte Entwurf genau ins Schwarze. Er sah exakt so aus wie ein Mistkübel, Räder inklusive. Die Fachjury sah das anders und beurteilte den plakativen Entwurf als „Kitsch“. Preisgekrönt wurde ein Entwurf, der das Thema Mistkübel eher abstrakt in orangene Containerform übersetzte und zweifellos eine auffällige Landmark abgegeben hätte, wäre das Ganze nicht von den Auslobern aus Trotz ausgebremst worden, und das, obwohl MA-48-Chef Thon, wie es hieß, in der Jury noch für den Sieger gestimmt hatte.

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