Phettbergs Predigtdienst

Denn das wäre die totale Intimität

Kolumnen/Zoo | Hermes Phettberg | aus FALTER 42/16 vom 19.10.2016

Ich bin eigentlich der glücklichste Mensch, den du dir vorstellen kannst, ich hab ein Bett und kann dort Tag und Nacht, ohne diskutieren zu müssen, liegen und Ö1 hören, und wenn ich dann schlafen gehen will, kann ich Sir eze meine Gestionsprotokolle ansagen. Es kommt immer die Volkshilfe und bringt mir Essen. Und mein Geld wird sorgfältig verwaltet, von meinem Sir eze und von meinem Sachwalter als Oberkontrollor.

Dass mir nie ein sexuell Liaisonähnliches gelungen ist, ist klar. Mit diesem Elend hab ich mir schon längst "Jom Kippur" begangen. Dieses mein Elend wurde eingeleitet von den Zwillingen Toni und Vroni, das waren zwei circa fünf Jahre alte Zwillingsgeschwister. Toni und Vroni waren immer im Sommer bei ihrer Großmutter in Unternalb, und diese Großmutter hatte ein kleines Holzhäuschen, das lag neben dem Haus meines Bruders Theo Paier. Und eines Tages kam der Bub Toni daher, er war bereits eine Art Rädelsführer, denn er war ein Stadtkind und maskulin und daher obenauf. Und wir Unternalber Buben folgten natürlich begeistert. Während Vroni ein Mädchen war und daher zurückhaltender. Eines Tages kam Toni daher und sagte: "Aus meinen Fingerkuppen gelingt es mir, ein Dutzend verschiedene Gerüche herauszuzaubern. Wollt ihr jeweils die Unterschiedlichkeiten riechen?" Wir mussten uns immer umdrehen, und er fuhr mit seiner rechten Hand in die Hose. Und dann sagte er: Jetzt könnt ihr kommen und riechen. Und in der Tat, jedes Mal roch "es" anders. Bis zum heutigen Tag hab ich noch nie darüber geschrieben, und ich kam noch nie auf die Idee, einen anderen Jeansboy zu bitten, mich an seinem Dutzend Ritzen riechen zu lassen. Denn das wäre die totale Intimität zweier Personen untereinander!

Am Dienstag, als der Fahrtendienst nicht erschienen war, saß ich allein circa eine halbe Stunde auf meinem Rollator, und da kam zuerst ein Mann und gab mir eine 2-Euro-Münze in die Hand und sagte dazu "Kaufen Sie sich darum einen Kaffee!", und eine Viertelstunde danach kam eine junge Frau und sagte zu mir: "Für Ihren Kaffee!" und gab mir ein mürbes Kipferl in die Hand. Also ich kann beschwören: Alle Menschen müssen aus dem Innersten heraus offenbar allen Menschen, die in Not sind, helfen.

Phettbergs Predigtdienst ist auch über www.falter.at zu abonnieren. Unter www.phettberg.at/gestion.htm ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt


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