Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Die beste Autorin der Welt der Woche

FEUILLETON | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 43/16 vom 27.10.2016

Unter den großen Autorinnen deutscher Sprache ist sie bis heute die am wenigsten gelesene. Ilse Aichinger, die nächste Woche 95 Jahre alt wird, ist das vermutlich ganz recht.

Von ihrem Debüt an, dem 1948 erschienenen Roman "Die größere Hoffnung", war Wien - damals noch ungenannt - geografischer Mittelpunkt ihres Schreibens. Die Stadt, in die sie und ihre Zwillingsschwester Helga am 1. November 1921 als Töchter eines Lehrers und einer jüdischen Ärztin geboren wurden, in der sie mit ihrer Mutter versteckt den Krieg überlebte und in die sie Ende der 1980er - nach dem Unfalltod ihres Sohnes, des Schauspielers und Schriftstellers Clemens Eich -zurückkehrte.

Aichinger hat Lyrik geschrieben, Dialoge und Hörspiele und sich mit wachsender Sprachskepsis immer weiter vom Erzählen entfernt. Die eigentliche Tätigkeit des Schreibens, bemerkte sie einmal, sei das Nichtschreiben. Nach langem Schweigen fand sie mit essayistischen Miniaturen für Presse und Standard noch eine ganz eigene Form, in der Kinoerlebnisse und Stadtgeschichte auf vielschichtige Weise mit Autobiografischem verwoben sind.

Diese Autorin erzählt nicht, sie sagt! Sätze voll anarchischem Witz und polemischer Wahrheit, zum Beispiel: "Wenn jemand eine Reise tut, so kann er nichts erzählen." Oder: "Positiv denken ist das Gegenteil von denken." Oder auch: "Niemand kann von mir verlangen, dass ich Zusammenhänge herstelle, solange sie vermeidbar sind."

Es passt, dass Stan Laurel eines ihrer Idole ist. In dem Chaos, das er und sein Freund Oliver Hardy in jedem Film anrichteten, erfüllte sich Ilse Aichingers oft geäußerter Wunsch: sich selbst zu vergessen. Oder wie Bob Dylan, dem sie 1967 begegnete, einmal meinte: "I'm glad I'm not me."


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