"Widerfahrnis": Wenn ein Mann sehenden Auges zu weit geht


REZENSION: SEBASTIAN FASTHUBER
FEUILLETON | aus FALTER 43/16 vom 27.10.2016

Keine Frage, schreiben kann er. Bodo Kirchhoff (Jg. 1948) gilt seit vielen Jahren zurecht als einer der elegantesten Stilisten der deutschsprachigen Literatur, freilich häufig an der Grenze zur übertriebenen Süffigkeit. Liest man seine Bücher, fühlt man sich so, als hätte man zu schnell ein paar Gläser apulischen Rotwein gekippt.

So ergeht es einem auch mit der Novelle "Widerfahrnis", die dem Autor den nicht nur lang ersehnten, sondern auch von ihm mitersonnenen Deutschen Buchpreis eingebracht hat.

Ein ehemaliger Kleinverleger, der sein Geschäft zugesperrt hat und aufs Land gezogen ist, trifft auf eine einstige Hutgeschäftsbesitzerin. Die Botschaft an die Leserschaft ist klar: Die Menschen nehmen sich keine Zeit mehr für ernsthafte Literatur, und für ordentliche Kopfbedeckungen interessiert sich auch niemand mehr. Alle paar Seiten streut Kirchhoff gezielt solche "Früher war alles besser"-Signale ein.

Aber fehlt da nicht noch was? Genau: Flüchtlinge. Der Autor, der seine beiden

  342 Wörter       2 Minuten
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