Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Zu früh zu spät

FALTER & MEINUNG | aus FALTER 43/16 vom 27.10.2016

Selbst dem aufmerksamsten Chronisten kann es einmal passieren. Vor 20 Jahren war vergangene Woche eine Woche zu früh dran. Diese Woche ist es umgekehrt. Vor 20 Jahren und einer Woche müsste die Kolumne nun heißen, und die letzte Woche gemachte Bemerkung über die große Gelassenheit des früheren Falter gegenüber Anforderungen der Aktualität hätte noch an Triftigkeit gewonnen; Elfriede Jelineks Geburtstag war drei Wochen vorbei, als wir sie auf dem Cover feierten.

Das vorhergegangene Cover war aber zweifellos ein Highlight. Es zeigte die beiden Verlierer der Wien-Wahl, Michael Häupl (SPÖ) und Bernhard Görg (ÖVP), nackt im Bett (immerhin mit Krawatten behangen und untenrum züchtig bedeckt). Der Falter hatte alles, was man braucht: eine Wählerstromanalyse des sehr jungen Sora-Instituts, eine Umfrage bei Promis und Reportagen aus den Zentralen der Parteien.

Herausragend: Heinz-Christian Strache mit Staubsauger als Hausmann im Parteilokal des dritten Bezirks. Der Falter befragte ihn nach seiner Teilnahme am Begräbnis des NPD-Obmanns Norbert Burger, eines notorischen Neonazis. Er sei dort gewesen, aber nur aus familiären Gründen, war er doch mit Burgers Tochter eine Zeitlang liiert gewesen. Er und rechtsextrem? Gott bewahre!"Wenn man das dumme Rechts-links-Schema hernimmt, bin ich höchstens Mitte rechts."

Bei den Promis sticht die Analyse von Franz Schuh hervor, die heute genauso gilt: "Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass der österreichischen Gesellschaft so etwas wie eine Faschisierung passiert. Seinesgleichen geschieht, denn kaum jemand will es ,eigentlich', aber fast alle tragen dazu bei. Es ist ein Gemeinplatz, dass der Austrofaschismus wenig mit dem alten Faschismus gemein haben wird; vielleicht müsste man ihn daher auch anders nennen. Aber ich kann mir vorstellen, dass er eine autoritäre (Schein-)Antwort auf die von globalen ökonomischen Umständen herbeigeführte ,Unregierbarkeit' ist." Was im Falter fehlte, war nur das Wahlergebnis. Es sei hier nachgetragen. SPÖ 39,2, FPÖ 27,9, ÖVP 15, Grüne sieben, LIF sieben Prozent. AT


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