Film Neu im Kino

Unterkühlt, unterkühlter, "Stille Reserven"

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 43/16 vom 27.10.2016

Wien in einer nahen Zukunft. Dank fortschrittlicher Technologie ist der Mensch ein kapitalistisches Werkzeug bisher ungekannten Ausmaßes: Wer sich keine Sterbeversicherung leisten kann, wird nach dem Ableben an Maschinen angeschlossen und als Datenspeicher oder Leihmutter ausgebeutet. Die Stadt ist in reiche und arme Zonen geteilt, die Gesellschaft gespalten.

Wie in "Fahrenheit 451","Equilibrium" und ähnlichen dystopischen Werken ist der Held in Valentin Hitz' "Stille Reserven", der Versicherungsagent Vincent Baumann, zunächst Systemmitglied. Auf der Gegenseite steht die Heldin, Lisa Sokulowa, "Recht auf Tod"-Aktivistin mit umstürzlerischen Plänen. Als Vincent auf Lisa angesetzt wird, versuchen beide, den anderen für die eigenen Zwecke zu missbrauchen. Wären da nicht die in ihnen aufkeimenden Gefühle füreinander

Die Idee hinter "Stille Reserven" ist spannend, die Settings sind interessant -Wien wird einerseits als steriler, von strenger Architektur geprägter, andererseits als heruntergekommener, unwirtlicher Ort präsentiert - und die Schauspieler willig. Clemens Schick gibt den erstarrten Karrieristen, den Sehnsucht ergreift, Lena Lauzemis die toughe Aktivistin und, im Brotjob, singende Femme fatale.

Was die nicht versicherten Toten vor den Konzernen rettet -die Unterschreitung einer gewissen Temperatur -, tut dem Filmkörper allerdings nicht gut: Die omnipräsente artifizielle Kälte gibt der Geschichte Geschlossenheit, hinterlässt aber einen blutleeren Eindruck. Emotionslos aufgesagte Dialogzeilen irritieren, der Bezug zur Gegenwart, Kern jeder Dystopie, ist wenig greifbar. Als erster Teil einer etwas aufgewärmteren Filmreihe hätte dieser seltene Fall eines Sci-Fi-Werks aus dem deutschsprachigen Raum aber durchaus Potenzial.

Ab Fr in den Kinos


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