Kunst Kritik

Auf Tuchfühlung mit der Feinstofflichkeit

NS | Lexikon | aus FALTER 43/16 vom 27.10.2016

Alle Achtung, mit nur einer Eröffnung ist es Direktor Hans-Peter Wipplinger gelungen, das Alter des Vernissagenpublikums im Leopold Museum um gefühlte 30 Jahre zu senken. Echt "contemporary" ist nun also auch der Schiele-Weihetempel, in dem zwar schon vor Wipplinger viele Anläufe in Richtung Gegenwart unternommen worden waren, die aber noch nie eine solche Resonanz in der lokalen Szene wie die jetzige Gruppenschau "Poetiken des Materials" erhalten hatten.

Wobei wir gleich bei der ersten Frage wären: Ist es eine Gruppenschau oder doch eher eine Aneinanderreihung unterschiedlicher Positionen, die generationsmäßig bei Anne Schneider, Jahrgang 1965, beginnen und bis zum 1981 geborenen Mathias Pöschl führen? Für die Kuratorin Stephanie Damianitsch passen die sieben Künstlerinnen und Künstler in eine Schublade mit der Aufschrift "Neuer Materialismus", ein aus der Philosophie in die Kunsttheorie entführter Begriff. Dieser besagt - banal ausgedrückt -, dass auch nichthumane Wesen und Dinge eigenen Gesetzen folgen und in ihrer genuinen Vitalität beschrieben werden müssten. Das künstlerische Material soll in diesem Sinne auf seine Eigenlogik und seine Geschichte befragt werden.

Und wie gelingt das nun dieser "neo-materialistischen" Kunst? Einzeln schlagen sich die Präsentierten wacker, verleihen sie den formalen und inhaltlichen Linien, die sie schon länger verfolgen, frische Wendungen, so etwa wenn Sonia Leimer raketenartige Skulpturen zum Interagieren ausstellt. Die Spanne zwischen den Eckpunkten Konzeptkunst und Bildhauerei ist aber zu groß, der Rahmen der Materialpoesie ist ein unheimlich weiter. So lautet das Motto der nichtsdestotrotz sehenswerten Schau eher: "Lebt und arbeitet in Wien, jetzt in der Kunsthalle Leopold".

Leopold Museum, bis 30.1.


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