"Ludwig Hirsch? Wir liebten einander"

Die norwegische Jazz-Singer/Songwriterin Rebekka Bakken stellt ihr Best-Of-Album vor

Lexikon | INTERVIEW: GERHARD STÖGER | aus FALTER 44/16 vom 02.11.2016


Foto: Andreas H. Bitesnich

Foto: Andreas H. Bitesnich

Als Rebekka Bakken 1994 erstmals für Musikaufnahmen in Wien war, besuchte sie den Brunnenmarkt, um Gewürze einzukaufen. Auf dem Heimweg platzten die Sackerl in ihrer Tasche und erzeugten einen ungeplanten Gewürzmix. „Wann immer ich seitdem Oregano oder Majoran rieche, denke ich an das Appartement in Ottakring, in dem ich damals für zwei Wochen gelebt habe“, erzählt die nahe am Jazz gebaute norwegische Singer/Songwriterin. Eine Dekade später wurde Wien vorübergehend zu ihrem Hauptwohnsitz. Nun kommt sie wieder einmal zu Besuch in ihre einstige Wahlheimat Österreich, um das neue Best-Of-Album „Most Personal“ vorzustellen.

Falter: Frau Bakken, was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an Wien denken?

Rebekka Bakken: Dass ich am Flughafen immer lächeln muss, wenn ich auf mein Gepäck warte. Wer mich dort sieht, denkt vermutlich: „Die Alte spinnt! Was grinst die grundlos?“, aber ich lächle, weil ich bei Wienbesuchen immer in gewisser Weise das Gefühl habe, nach Hause zu kommen.

Tatsächlich?

Bakken: Ja. Ich lebe heute wieder in Norwegen, aber ich fühle mich dort fast ein bisschen fremd. Wien ist einfach entspannter und facettenreicher.

Sie fühlen sich also wohl in der Welthauptstadt des Grant?

Bakken: In meinem ersten Wienjahr hätte ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht. „Wäre es eventuell denkbar, dass ich vielleicht ein wenig Milch für meinen Kaffee bekommen könnte?“, habe ich gefragt, was hier natürlich tödlich ist. Irgendwie bin ich aber selbstsicherer geworden, und ab da ist es gut gelaufen.

Auf Ihrem neuen Best-Of-Album überraschen Sie mit einer deutsch gesungenen Ludwig-Hirsch-Coverversion. Wie kam es dazu?

Bakken: Weil mich die Kultur hier so eingeschüchtert hat, wollte ich anfangs erst gar nicht Deutsch lernen, sondern ein möglichst feines Englisch sprechen, um die Leute damit zu vergraulen. Doch dann habe ich ein Video gesehen, in dem ein Mann mit seiner Gitarre sitzt und auf Deutsch ein unglaublich schönes Lied singt, das mich tief berührt und förmlich in den Arm genommen hat. Um den Text zu verstehen, wollte ich die Sprache dann doch lernen – und das war Ludwig Hirschs „Der Schnee draußen schmilzt“. Ich habe mir ein Wörterbuch besorgt, und siehe da, der Text hat perfekt zu meiner damaligen Stimmung gepasst: „Bist traurig? Des macht nix. Setz di afoch hin und horch ma zua.“ Als Ludwig Hirsch dann zu einem meiner Konzerte kam, habe ich dieses Lied für ihn gesungen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ludwig Hirsch?

Bakken: Wir liebten einander, ohne uns gut zu kennen. Nach dem Konzert damals sagte er zu mir: „Ich liebe dich“, und ich antwortete: „Ich liebe dich auch“. Mehr ist uns dann allerdings nicht eingefallen. Wir hatten keinen Gesprächsstoff, und das sollte sich auch in der Folge nicht groß ändern – bei aller Wertschätzung für die Arbeit des anderen. Aber Ludwig Hirsch hatte auch ohne viel zu sagen eine starke Wirkung.

2014 haben Sie ein Tom-Waits-Coveralbum gemacht. Wie sind Sie auf den alten Brummbär gekommen?

Bakken: Ursprünglich war das eine Auftragsarbeit, aber dann bin ich total darauf reingekippt, vor allem auf die Texte. Heute denke ich mir: Nichts könnte besser passen, als Tom Waits zu covern!

Ihre eigene Musik ist dagegen betont sauber und wohlklingend. Das zu sabotieren hat Sie nie gereizt?

Bakken: Interessanterweise habe ich vor dem Tom-Waits-Projekt mit der Arbeit an einem Album begonnen, das stilistisch aber total auseinandergefallen wäre. Es gab die schönen Lieder, die jetzt als Bonustracks auf der Best Of zu hören sind, und es gab die bluesig-rumpelig-reduzierten. Möglicherweise werden die ja zum Grundstock meines nächsten Albums.

Wann haben Sie die Wirkung Ihrer Stimme entdeckt?

Bakken: Als Kind war ich viel alleine, und da fürchtete ich mich immer davor, in den Keller zu gehen. Dann habe ich mir ein Spiel ausgedacht: Singe ich die richtigen Lieder, so kann mir nichts passieren. Wenn ich traurig war, hat Singen ebenfalls geholfen, und so kam es, dass Singen für mich irgendwann so selbstverständlich war wie Essen, Duschen und Zähneputzen. Mit 13 hat mich ein Klassenkollege gehört, in den ich verliebt war. „Wenn du singst, fühle ich mich innen drin so gut“, hat er gesagt, und in diesem Moment wurde mir klar: Wow, das funktioniert nicht nur für mich selbst, sondern auch bei anderen!

Was darf man sich von Ihrem aktuellen Liveprogramm erwarten?

Bakken: Ein reines Best Of. Nur alte Sachen, nur Lieder, die mir viel bedeuten – und natürlich den Ludwig-Hirsch-Song.

Orpheum Graz, Sa 19.00 Konzerthaus Wien, Großer Saal, Di 21.00


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