Menschen

Am Tag der Fahne

Falters Zoo | Lukas Matzinger | aus FALTER 44/16 vom 02.11.2016

Dass am Nationalfeiertag die Türen zum österreichischen Parlament offenstehen, ist weitum bekannt. Da kann man nach den ersten zwei Bieren mit seinen Lieblingsabgeordneten schäkern und die Höhenverstellbarkeit des Rednerpults überprüfen. Diesmal, beim letzten "Offenen Parlament" vor dem großen Umbau, wurde der Demokratie noch auf andere Weise die Ehre erwiesen.

Die deutsche Alles-Regisseurin Jacqueline Kornmüller und Freunde wurden beauftragt, das gesamte Hohe Haus wie eine Art Stationentheater zu bespielen; große Autoren schrieben Texte dafür. Zusammen hieß es dann "Im Herzen der Demokratie" und schaute auszugsweise wie folgt aus: Im Empfangssalon spielten Pauline Knof und Peter Wolf einen Text von Clemens Setz, im Historischen Sitzungssaal sagten Katharina Stemberger und Sona MacDonald Politikerphrasen auf, die Franz Schuh kuratiert hatte.

Im Lokal III saß Marino Formenti am Klavier, im Sprechzimmer 4 tanzten Esther Balfe und Emmanuel Obeya. Im Budgetsaal lief das Wienerlied-Duo Die Strott ern beim Spielen über die Tische, im Historischen Sitzungssaal bliesen die Blasmusikanten Federspiel die Bundeshymne vor. Und im Sitzungssaal des Bundesrats performte die Puppenspielerin Ulrike Langenbein zu Christine Nöstlingers Rede über die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen. Die Puppe stellte die achtjährige Nöstlinger dar.

So aufregend sind Tage der offenen Tür selten.

Später war in den Untiefen des dritten Bezirks dann eine wieder ganz andere Art von Leistungsschau anzustaunen. Die großen, unergründlichen The Cure spielten zum ersten Mal seit acht Jahren wieder ein Konzert in Wien. Und weil in der für Shows dieser Größenordnung obligaten Stadthalle gerade ein Tennisturnier gespielt wurde, wichen die so häufig wie untreffl ich als Grufties bezeichneten Cure in die Marx Halle aus. So wiederum heißt die ehemalige Rinderhalle hinter dem T-Mobile-Bürogebäude am Rennweg - wobei diese beiden Bauten mutmaßlich gleich schlecht für die Austragung von Konzerten geeignet sind.

Von den etwa 10.000 Menschen, die zu The Cure kamen, fand wohl ein schwaches Drittel einladende Tonund Sichtbedingungen vor. Der Rest war mangels Leinwänden und Lautsprechern quasi vom Konzerterlebnis entbunden. Die Menschenschlangen vor Einlass, Toiletten und Bars trösteten nicht.

The Cure jedenfalls begannen bezaubernd mit den weitschweifigen Plainsong und Pictures of You und spielten alles in allem 31 Lieder in zwei Stunden 40 Minuten -inklusive fast aller Hits, soweit man diese düsteren, rätselvollen Cure-Lieder überhaupt so bezeichnen will. Das ist alles schon erhaben, groß.

Die Aura von Sänger Robert Smith, dem romantischen Gruselclown des vergangenen Jahrhunderts, strahlt noch immer weit über seinen Bewegungsradius hinaus. Und seine Stimme klingt wie damals. Am Ende spielte er dann die ganzen Popschnalzer, die er eigentlich nicht mehr so gerne hat, und die Halle schrie. Der Journalist, Sachbuchautor, Ein-Mann-Thinktank und designierte Kanzlerflüsterer Robert Misik rauchte hingebungsvoll. Manche Erste-Reihe-Fans wollten wissen, dass dies die letzte große Tour von The Cure war. Na dann, nochmal alles richtig gemacht.


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