Selbstversuch

Was denn bitte für ein Loch?

Doris Knecht respektiert nur ihre Grenzen

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 44/16 vom 02.11.2016

Das neue Buch ist seit ein paar Wochen fertig, und alle fragen einen: Und, bist du danach in das berühmte Loch gefallen? Und ich sage, nein, ich falle nicht in das berühmte Loch! Ich weiß gar nicht, was dieses Loch sein soll! Nein, ich freue mich jeden Tag, dass der Druck, das Buch fertig schreiben zu müssen, von mir abgefallen ist, dass ich wieder Zeit habe, dies und das zu tun und Freunde zu treffen und einzuladen, es gibt kein Loch.

Die Teenager freuen sich auch und erinnern die Mutter mehrmals die Woche daran, welche unglaublichen Qualen sie während der letzten Schreibmonate erleiden mussten, welchen Launen sie ausgesetzt waren und unter welchen emotionalen Entbehrungen sie zu darben hatten, und übrigens, die Creeper-Sneaker von Rihanna gibt's jetzt wieder, du weißt schon, die lässigen mit den gerillten Sohlen.

Weiß ich aber eh schon, denn man nützt die freie Zeit nicht nur für Mittagessen mit den Freunden, die man schon länger nicht gesehen hat, sondern auch, um nachzuholen, was man im Internet Wichtiges verpasst hat, als man sich beim Schreiben jeden Tag viele Stunden lang mit einem speziell dafür entwickelten Programm namens Freedom ausgesperrt hat. Also stöbert man jetzt so ein bisschen online herum, um auf Designer-Secondhandund Outlet-Seiten das eine oder andere Gwand-und Interieurdefizit auszugleichen. Also, fragt der Teenager, darf ich die Rihanna-Creeper jetzt bestellen? Zeig noch mal.

Es ist auch wieder die Jahreszeit, in der man am liebsten im Bett bleibt. Weil es regnet, weil Nell Zink ihre Bücher auch im Bett schreibt, weil das Wohn-und Arbeitszimmer gerade wieder von einem Rudel Teenager besetzt ist (und das Badezimmer auch, dort werden gerade neue Haarfarben auf Teenagerköpfen ausprobiert, was einen anhaltend belebenden Effekt auf die weißen Armaturen hat), weil sich im Bett am besten lesen lässt und weil man ein bisschen krank ist.

Ah, es gibt also kein Loch, sagt eine Freundin. Nein! Man schont sich nur!, man achtet auf sich, man respektiert die eigenen Grenzen, man tut sich was Gutes. Schau, ich hab ein neues Acne-Sakko, secondhand, nur 54 Euro. Schön, sagt die Freundin.

Dann wird man wirklich ein bisschen krank und kann gar nicht anders, als im Bett zu bleiben. Und sieht sich dann, weil man wegen der dritten "Transparent"-Staffel den Prime-Service eines großen, ungeliebten Onlinehändlers abonnieren musste, gleich auch "Spotlight" an, endlich, den Journalismusfilm, den man sich eigentlich im Kino anschauen wollte, aber. Feiner Film, wer ihn auch noch nicht gesehen hat, mit einem Herausgeber, der aussieht wie der junge Bronner, einem unterirdischen Gängelabyrinth wie weiland im alten Kurier-Gebäude und einem überraschenden Ebensee-Plakat an der Wand eines Diners. "Transparent" ist auch wieder ein Traum, so eine perfekte, präzise, beglückende Serie. Zufällig fallen sie in der dritten Staffel alle in ihr persönliches Loch, interessant.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige