Kunst Kritik

Zahlreiche Beispiele, wenige Thesen


MD
Lexikon | aus FALTER 44/16 vom 02.11.2016

Scharfe Lichtkontraste und Szenen sozialen Elends sind das Kennzeichen der Malerei von Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865), seine realistische Schärfe ist in der österreichischen Kunstgeschichte des 19. Jahrhundert einmalig. Mit der Frage, "Ist das Biedermeier?" versucht das Belvedere in einer großen Ausstellung, gängige Klischees über die Blütezeit der schmachtenden Mädels und röhrenden Hirschen zu widerlegen.

Im Mittelpunkt stehen Gemälde aus der Zeit zwischen 1830 und 1860, mithin einer Phase nach jener Zeit, die man gemeinhin als Biedermeier bezeichnet. Neben Waldmüller stechen hier vor allem die Porträts von Friedrich von Amerling und Johann Baptist Reiter hervor, die den Individualismus der neuen Zeit zum Ausdruck brachten. Neben den lokalen Größen zeigt Kuratorin Sabine Grabner Beispiele aus anderen Malschulen des Habsburgerreiches, etwa den Tschechen Bedřich Havránek, den in Mailand wirkenden Francesco Hayez sowie die Porträts des in Görz/Gorizia geborenen und in Triest arbeitenden Giuseppe Tominz. Thematisch gliedert sich "Ist das Biedermeier?" in Landschaften und Porträts bzw. Genrebilder.

So verdienstvoll es auch sein mag, die als akademisch und sentimental verschriene Malerei der Jahrhundertmitte vorzustellen, zugänglich wird einem die Ideenwelt dieser Zeit nicht gemacht. Während etwa die Albertina 2007 den Biedermeier als Variante des Klassizismus dekonstruierte, verzichtet die Schau im Unteren Belvedere auf erhellende Thesen. Wie wirkte sich etwa das wissenschaftliche Denken auf das Selbstverständnis der Künstler aus, die sich, etwa im Fall von Adalbert Stifter, in malende Meteorologen verwandelten? Die ausgestellten Möbel wirken ohne erklärenden Kommentar deplatziert. Viel Material, wenig Erkenntnis.

Unteres Belvedere, bis 12.2.2017


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