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Peter Iwaniewicz kennt die Antwort auf den Sinn des Lebens: 2

Falters Zoo | aus FALTER 44/16 vom 02.11.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Sehr gerne lese ich in den Auswertungen der Statistik Austria. Hyperfaktischen Journalismus nennt man das. Reine, durch Meinung unberührte Zahlen und Daten, wo man sich selbst was denken kann. Eine Auswertung der Geburtstagsverteilung der Bevölkerung zeigt, dass am Nationalfeiertag und zu Allerheiligen am wenigsten Österreicher geboren werden. Der häufigste Geburtstag hingegen ist der 22. September. Demografie ist offenbar – auch wenn Statistiker das nicht betonen – die Wissenschaft vom Sex. Das liest sich dann im Fachblatt Canadian Studies in Population so: „Der Geburtenanstieg im September spiegelt wahrscheinlich den Einfluss der Weihnachtsferien wider, während derer aufgrund der festlichen Atmosphäre eine signifikante Menge ungeplanter Empfängnis auftritt.“

Warum braucht es überhaupt zwei verschiedene Individuen, um Nachwuchs zu erzeugen? Parthenogenese, die Jungfernzeugung, ist eine im Tierreich durchaus verbreitete Form der eingeschlechtlichen Fortpflanzung, um Nachkommen aus unbefruchteten Eizellen heranwachsen zu lassen. Sexualität erscheint aus dem Blickwinkel einer Kosten-Nutzen-Rechnung als Luxus, der zwei Lebewesen braucht, um einen Nachkommen hervorzubringen. Ökologen vergleichen dies mit einer Lotterie: Asexuelle Fortpflanzung entspricht dem Besitz vieler Lose mit derselben Nummer. Aber um die Gewinnchancen zu erhöhen, braucht es eher viele verschiedene Lose, wie sie durch die Paarung zweier Lebewesen entstehen. Sexualität erzeugt Vielfalt und lässt deshalb einige Nachkommen stärker und andere kümmerlich werden, asexuelle Fortpflanzung macht sie hingegen alle durchschnittlich gleich.

Ja eh, aber wozu braucht es diese ganze Vielfalt? Da hilft ein Blick in die Wildstatistik: Kaninchen werden zum Beispiel häufiger durch das Myxomatose-Virus getötet als durch Füchse, Jäger und strenge Winter. Nicht Dürre, Nahrungsmangel oder Konkurrenten verkürzen das Leben, sondern Parasiten wie Einzeller, Bakterien, Pilze und Viren. Und dagegen hilft nur Sex, um unsere Gene in jeder Generation neu zu durchmischen.

Das ist eine vielleicht zu sachliche Erklärung für die vielgestaltigen Höhen und Tiefen der Partnerwahl, die Kultur der Liebe, Romanzen, Dramen. Sex ist also nur eine Nebenerscheinung bei dem Versuch unserer Gene, sich gegen Parasiten zu wehren?

Ja, so unromantisch ist Faktenjournalismus.


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