Film Neu im Kino

Radikale Doku-Fiktion: "Homo Sapiens"

Lexikon | SABINA ZEITHAMMER | aus FALTER 44/16 vom 02.11.2016

Es regnet. Tropfen prasseln auf einen Fahrradabstellplatz voller Fahrräder, auf überwucherte Bahngleise. Im warmen Kino lullt das Geräusch die Zuseher ein. Ein Fast-Food-Lokal kommt ins Bild, ein Buchgeschäft, ein Supermarkt. Jäh wacht man aus dem Dämmerzustand auf und realisiert: Nikolaus Geyrhalter hat diese Aufnahmen im Gebiet um Fukushima gemacht.

"Homo Sapiens" ist allerdings keine Fortsetzung seiner Tschernobyl-Doku "Pripyat", sondern eine Sammlung verlassener Orte: Von einem kommunistischen Denkmal in Bulgarien über verfallende Konzertsäle, Malls, Schulen und Kirchen, aufgelassene Industrieanlagen, Tierfabriken und Bunker auf der ganzen Welt bis zur Bergwerksinsel Hashima und einem argentinischen Städtchen, das von einem Salzsee verschluckt wurde, reicht die Bandbreite. Mit langen, starren Einstellungen streng komponiert, wird im ganzen Film kein Wort gesprochen, ist kein Mensch zu sehen.

Dass es sich hier nicht um einen "Dokumentarfilm" handelt, verrät nicht nur das Fehlen jeglicher Information über die langsam von der Natur zurückeroberten Drehorte, Geyrhalter hat auch stark eingegriffen, um die gespenstische Stimmung seines Films heraufzubeschwören. Neben dem Einsatz von Wind, Licht und digitaler Bearbeitung wurde der Ton für jedes Bild im Nachhinein gebaut. Das Ergebnis ist eine radikale Doku-Fiktion, die mit spektakulären, rätselhaften Aufnahmen voller stummer Geschichten gleichermaßen in die Vergangenheit wie in die Zukunft weist und die Fantasie anregt, aber auch die Aufmerksamkeit des Publikums herausfordert. Es empfiehlt sich dabei, nicht nur ausgeschlafen, sondern auch satt ins Kino zu gehen: In der Symphonie aus Plätschern, Rauschen und Knistern hat menschliches Popcorngeraschel keinen Platz.

Ab Fr im Gartenbaukino


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