Phettbergs Predigtdienst

Voller Begeisterung und Besessenheit

Hermes Phettberg führt seit 1991 durch das Kirchenjahr

Kolumnen | aus FALTER 44/16 vom 02.11.2016

Sonntag gab mir Sir eze eine Party, weil ich noch lebe: Es erschienen ein Dutzend meiner Nothelfys und brachten Feigen, Granatäpfel, ungespritzte Zitronen, Mandarinen und Walnüsse plus literweise Weißwein und Bier. Konrad strahlte voller Freude, als er mir mitteilen konnte, er bekäme bald einen Sohn geboren. Ja, schöne junge Männer bekommen schöne Buben und schöne Mädchen. Ich könnte mich als Taufpate anbieten, aber hab kein Geld dazu.

Am Tag danach war ich im Bezirksmuseum der Leopoldstadt, wo die Ausstellung "Jüdische Frauen in der Leopoldstadt" stattfand, zu einer Vorlesung über die Geschichte der Jüdinnen in der Leopoldstadt, gehalten von Gerald Grassl. Gerald Grassl, einer der Mitbegründer der Sadomasochismus-Initiative Libertine und ehemaliger Volksstimme-Redakteur, arbeitet derzeit voller Begeisterung und Besessenheit, sammelt alle möglichen Mythen und Legenden aus den 23 Wiener Bezirken. Dutzend und Aberdutzend Bücher haben sich zusammengesammelt in Gerald Grassls Serie Tarantel.

Ein besonderes Anliegen ist Gerald Grassl der "Friedhof der Namenlosen" in Wien 11, Alberner Hafenzufahrtsstraße. Einmal führte die Donau in Wien extremes Hochwasser, und viele Leichen in ihren Särgen nahm die Donau spurlos ins Schwarze Meer mit.

Dass die Stadt Wien sich nicht darum kümmert, ärgert Gerald besonders. Gerald Grassl ist geborener Tiroler, und ich kann sehr gut nachvollziehen, als katholischer Erzniederösterreicher, dass ja überall Spuren hinterlassen werden müssten. Zum Abschluss seiner Präsentation rief Gerald alle Leopoldstädter auf, ja zur Bundespräsidentenwahl zu gehen, überhaupt zu allen Wahlen zu gehen, denn wenn es sich aufhört, wählen zu gehen, hört sich die Demokratie auf.

Mehrere Leopoldstädtys trugen an diesem Abend einen Beitrag zur gewaltigen Sinfonie Gerald Grassls Tarantel bei, ich bin natürlich voll überfordert, auch nur ansatzweise über die geistige Gewalt und Kultur dieses Abends zu schreiben. Unbedingt muss ich auch noch gestionieren, dass Rosa Rahel Neubauer eine noch lebende göttliche Leopoldstädter Jüdin ist. Ich lernte Rosa Rahel Neubauer durch Richard Reichensperger, den kulturellen Mitarbeiter des Standard, und Claus Philipp kennen.

Phettbergs Predigtdienst ist auch über www.falter.at zu abonnieren. Unter www.phettberg.at/gestion.htm ist wöchentlich neu zu lesen, wie Phettberg strömt


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