Film Neu im Kino

Glück im Unglück: "Alles was kommt"

MO | Lexikon | aus FALTER 44/16 vom 02.11.2016

Es gibt nicht viele Filme, die eine Philosophielehrerin zur Heldin haben. Nathalie, die Hauptfigur in Mia Hansen-Løves fünfter Regiearbeit "Alles was kommt" ist die seltene Ausnahme von der Regel. Sie und ihr Mann Heinz leben mit ihren zwei erwachsenen Kindern und tausenden Büchern ausschließlich für ihren Beruf: die Philosophie. So scheint es jedenfalls. Bis eines Tages die Tochter dem Vater bei einem Spaziergang im Park eröffnet, von seiner Affäre zu wissen, und ihn zu einer Entscheidung drängt: Frau oder Freundin?

Wie immer bei Hansen-Løve wird das dramatische Potenzial einer Situation bewusst nie ausgeschöpft, sondern sie kommt denkbar unspektakulär daher. Gern nebenbei, auf offener Straße, wie zum Beispiel der plötzliche Selbstmord des verschuldeten Filmproduzenten in "Der Vater meiner Kinder" (2009). Hier findet eine langjährige Ehe in einem kurzen Dialog von zwei Sätzen ein unaufgeregtes Ende. Später ereilt Nathalie auf dem Heimweg vom Kino, buchstäblich im Vorübergehen, die nächste Katastrophe: ein Anruf mit der Nachricht, dass ihre Mutter im Pflegeheim gestürzt und gestorben ist.

"Alles was kommt" versucht, den Widersprüchlichkeiten des Lebens filmisch Ausdruck zu geben, konkret der Frage: Wie kann man gleichzeitig an Freiheit und Schicksal glauben? Nathalie, gespielt von Isabelle Huppert, wirkt, alles würde das Geschehen rundum sie kaum berühren, als gäbe es nichts Wichtigeres, als die Ordnung im Bücherregal wiederherzustellen und eine neue Bleibe für Pandora zu finden, die dicke Katze ihrer Mutter. "Mein Leben ist intellektuell erfüllt", sagt Nathalie einmal zu Fabien, ihrem Doktoranden, der sein radikales Denken in einem Kollektiv auf dem Lande auslebt, "das reicht mir zum Glücklichsein". Da freilich kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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