Tiere

Au weh!


Peter Iwaniewicz
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 45/16 vom 09.11.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Herbstzeit ist Halswehsaison. Und dieser zwischen Herz und Hirn sitzende Schmerz gehört im Vergleich zu anderen körperlichen Beschwerden an Kreuz, Knie und Kopf zu den unangenehmsten. Auf meiner persönlichen zehnteiligen Skala würde Halsweh bei mindestens 7 liegen. Würde, denn interessanterweise gibt es für Krankheiten keine verbindliche Jammerlatte. Das ist seltsam, denn in anderen Bereichen vermessen wir unseren Körper sehr exakt: So können Menschen circa 570 Lichtintensitäten, 500 Farbtöne oder 90 Stufen von Wärme unterscheiden.

Es gibt mit dem Dolorimeter zwar ein Gerät, dass durch stumpfen Druck Schmerzen standardisiert erzeugt. Manche Wissenschaftler verwenden Temperatur oder elektrischen Strom bei der Algesiologie-Forschung, aber nur der US-amerikanische Insektenforscher Justin Schmidt hat einen vierteiligen Index für chemisch induzierte Schmerzen vorgelegt. Vor allem in der Insektengruppe der Hautflügler – also Bienen, Wespen, Ameisen – gibt es weltweit ca. 60.000 Arten, die anderen Lebewesen über ihren Stachel Gift injizieren können. Dieses wirkt auch bei großen Wirbeltieren sehr effizient, weil diese Sekrete in der Evolution mehr auf Schmerz als auf tödliche Giftigkeit optimiert wurden.

Auf der Schmidt’schen Skala ist der Stich der Honigbiene eine 2.0 und wird so beschrieben: „Wie ein abgebrochener Streichholzkopf, der auf deiner Haut abbrennt“. Auch die anderen Referenzen lesen sich sehr poetisch: Furchenbienen, 1.0: „Leicht, flüchtig, fast fruchtig. Als ob ein winziger Funke ein einziges Haar auf dem Arm ansengt“.

Den schmerzhaftesten Stich (4.0) versetzt die in Südamerika lebende Tropische Riesenameise (Paraponera clavata), die auf Englisch „Bullet Ant“ heißt, weil ihr Stich so schmerzhaft wie eine Schussverletzung wäre. Laut Schmidt: „Als ob man über glühende Kohlen läuft und dabei einen sieben Zentimeter langen, rostigen Nagel in der Ferse stecken hat“.

Ich begrüße diese Einteilung, doch leider sind die dort angeführten Tierarten alle aus der Neuen Welt. Ich eröffne hiermit das Citizen-Science-Projekt zur Erhebung europäischer Schmerzenstiere und ersuche um entsprechende Erfahrungen der Leserschaft.

Die Regeln: 1. Nicht nur einen Stich beurteilen. 2. Keine erzwungenen Stiche, die durch mit den Fingern festgehaltene Insekten verursacht werden. Der Druck auf den Körper kann die Giftmenge erhöhen. 3. Das Leben ist kurz, die Wissenschaft lang!


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